Interessante Veranstaltung an der TU Wien

Das Centre for Informatics and Society (CIS) der Fakultät für Informatik veranstaltet das Symposium „Digitale Transformation“ mit dem Ziel, den interdisziplinären Diskurs zum Thema zu fördern.

Die österreichische Staatssekretärin für Diversität, Öffentlichen Dienst und Digitalisierung, Mag. Muna Duzdar, leitet das Event mit einer Keynote ein.

Internationale Vortragende aus den Bereichen Social Informatics, Soziologie, Kommunikationswissenschaften, Bildung und Medienpädagogik, Industrie und Wirtschaftsinformatik geben mittels Impulsvorträgen Einblick in den Status quo digitaler Transformation in ihrem Fachbereich und diskutieren über die Herausforderungen der nächsten Jahre, denen sich akademische Forschung, Politik und Gesellschaft stellen müssen.

Zitiert aus: http://cisvienna.com/de/symposium-digitale-transformation/

Trump ante portas

Conrad Taler

Trump ante portas

 

Es gibt in der menschlichen Natur neben der Vernunft auch das, was der Volksmund das Bauchgefühl nennt. Nur dort wo sich staatliche Macht zusammenballt gibt es das Bauchgefühl nicht. So entstehen dann Situationen, in denen viele ziemlich belämmert dastehen, so wie nach dem Wahlsieg Donald Trumps. Die kapitalistischen Eliten in den USA – aber nicht nur dort –  wollen einfach nicht wahr haben, dass sich zwischen ihnen und großen Teilen der Bevölkerung eine große Entfremdung breit gemacht hat, die sich irgendwann politisch entlädt.

 

Zwei Dinge sind es, die diese Entfremdung bewirken: Zunehmende soziale Unsicherheit und das Gefühl einer Bedrohung der eigenen Identität durch den Zustrom fremder Menschen, von Menschen, die noch ärmer sind als die Ärmsten im Lande, aber anders aussehen und einer anderen Kultur angehören. Donald Trump hat es verstanden, die Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung in eine Richtung zu lenken, die für ihn, den Milliardär, und Seinesgleichen ungefährlich ist: Weg von den Reichen und hin zu den armen Schluckern, die aus Mexiko oder sonst woher in die USA strömen, um dort ein besseres Leben zu suchen.

 

Die Entzauberung Donald Trumps wird nicht lange auf sich warten lassen, denn die  Ursachen für den wachsenden Reichtum auf der einen Seite und die wachsende Armut auf der anderen bestehen ja weiter. Die soziale Unsicherheit für Millionen Menschen wird  fortbestehen. Was das außenpolitische Getöse betrifft, mit dem Trump seine Anhänger beeindrucken konnte, so werden es die Finanzjongleure an den Börsen der USA eine Zeit lang tolerieren, ehe sie ihm bedeuten, dass dem schnellen Profit keine Hindernisse in den Weg gelegt werden dürfen. Auch Barack Obama wurde ganz schnell in seine Grenzen verwiesen.

 

Das eigentliche Problem sowohl in den USA als auch anderswo sind nicht die Leute vom Schlage eines Donald Trump, Victor Orban oder Marine Le Pen; deren Parolen gedeihen schließlich nur auf einem Boden, den andere für sie bereitet haben. Das eigentliche Problem sind die demokratischen Politiker, die sich blind stellen gegenüber dem Unbehagen und dem dumpfen Gefühl vieler Menschen, nicht ernst genommen zu werden, niemanden zu haben, der sich der eigenen Sorgen annimmt. Dass so viele Menschen nicht wählen gehen oder sich für eine Partei entscheiden, die sich als Alternative zum politischen Mainstream bezeichnet, resultiert aus diesem Gefühl der Ohnmacht.

 

Statt sich Gedanken darüber zu machen, wie gewährleistet werden kann, dass die Schüler in Deutschland nicht in maroden Schulen und überfüllten Klassen unterrichtet werden müssen, statt dafür zu sorgen, dass niemand so gering entlohnt wird, dass er auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, verschwenden die Bundesminister für Auswärtiges, Wirtschaft und Verteidigung in Berlin ihre Gedanken auf ein neues Rüstungskonzept, das Milliarden Euro verschlingen wird. Das klingt jetzt vielleicht nicht sehr hilfreich angesichts der Probleme, die mit Donald Trump auf Deutschland und Europa zukommen, aber es hängt ursächlich mit den Problemen zusammen, um die es bei der Wahl in Amerika ging und um die es auch hierzulande geht.

Schönes Europa

 

Schönes Europa

Von Kurt Nelhiebel

 

Ach wie war es ehedem

in Europa doch bequem..

Heut’ dagegen jeden Tag

nichts was uns erbauen mag.

 

Jetzt gerad von spät bis früh

Wallonie nur Wallonie.

Morgen dann vielleicht der Schrei:

Ärger mit der Slowakei!

 

Dann ist wieder Polen dran,

das uns nicht gefallen kann.

Ohne Sinn und auch Verstand

werkeln sie in Griechenland.

 

Selbst den Freunden links vom Rhein

fällt nicht viel Vernüftges ein.

Weiter südlich – quel Malheur –

geht es auch nicht besser her.

 

Leben dort in Saus und Braus,

geben fremdes Geld gern aus,

lieben Wein und schöne Frau’n,

denken nicht ans Häusle bau’n

 

Nur bei uns ist alles gut,

deshalb jetzt ein bisschen Mut:

Unser Deutschland ganz allein

soll für uns Europa sein.

 

K.N. 25. 10. 2016

 

 

 

 

 

 

 

Mit einer Träne im Knopfloch

 

Mit einer Träne im Knopfloch

 

John le Carré erzählt Geschichten aus seinem Leben

 

Kurt Nelhiebel

 

Es gibt nur wenige Autoren, deren Name so eng mit einer zeitgeschichtlichen Epoche verbunden ist, wie der von John le Carré. Wer den Namen liest, assoziiert ihn mit dem „Spion der aus der Kälte kam“. Das Buch und der gleichnamige Film  handeln vom Kalten Krieg zwischen Ost und West und einer der nichtsnutzigsten Einrichtungen, die sich die Menschheit jemals hat einfallen lassen, den Geheimdiensten. Weder haben sie jemals Gutes bewirkt noch Schlechtes verhindert, immer haben sie nur Misstrauen gesät und Unruhe gestiftet, Bösewichte am Ruder gehalten und gestürzt, wie es gerade passte. Und wenn es wirklich einmal darauf  ankam, konnte sich die eigene Regierung nicht auf sie verlassen. Sie lieferten Mitarbeiter im Bedarfsfall gnadenlos der jeweils anderen Seite aus oder benutzten sie als menschliche Tauschware.

 

Ein von mir geschätzter inzwischen verstorbener Journalist und Berufskollege ließ sich dereinst vom  amerikanischen Geheimdienst beschwatzen, in der DDR die Autonummern sowjetischer Militärfahrzeuge zu notieren und an den Westen weiterzugeben. Die DDR ist daran nicht zugrunde gegangen, aber der gute Mann saß deswegen viele Jahre in einem sibirischen Arbeitslager. Als dann die DDR ohne Gegenwehr von der weltpolitischen Bühne abtrat, traf  ihr Untergang den Westen völlig unvorbereitet. Weder der Bundesnachrichtendienst noch einer der vielen anderen Geheimdienste hatte mitbekommen, wie verunsichert die Staats- und Parteiführung durch die Politik der Perestroika Michael Gorbatschows tatsächlich war.

 

Als Terroristen am 11. September 2001 in den USA gleich vier Passagierflugzeuge an einem Tag kaperten und als Waffen gegen die mächtigste Militärmacht der Welt einsetzten, musste die Regierung tatenlos zusehen. Keiner der Geheimdienste hatte sie gewarnt. Wenn umgekehrt ein Spion einmal gerade noch rechtzeitig drohendes Unheil signalisierte, fand er damit kein Gehör. So geschehen zwei Tage vor dem Überfall der deutschen  Wehrmacht auf die Sowjetunion. Von Tokio aus unterrichtete damals ihr Geheimagent Richard Sorge die Regierung in Moskau detailliert über die Angriffsvorbereitungen Hitlers, doch Stalin schob die Nachricht als Fehlinformation beiseite. Sie passte nicht in sein Weltbild, hatte doch  die Sowjetunion zwei Jahre davor mit der Naziführung einen Nichtsangriffspakt  abgeschlossen. Das Land zahlte dafür einen furchtbaren Preis.

 

John le Carrés Publikum durfte gespannt sein, ob der berühmte Autor in seinem jüngsten Buch „Der Taubentunnel“ endlich aus dem Nähkästchen plaudern würde. Aber er hält sich weiter bedeckt. Nichts was der Leser nicht schon wusste erfährt er über den britischen Auslandsgeheimdienst MI6, für den er  ab 1960 als zweiter Sekretär der britischen Botschaft in Bonn tätig war. Angewidert von der Beobachtung, dass der Westen mit seiner Spionagetätigkeit unentwegt eigene Ideale verriet, quittierte er nach drei Jahren den Dienst, um sich nur noch der Schriftstellerei widmen zu können. Sein drittes Buch, „Der Spion der aus der Kälte kam“, machte ihn auf einen Schlag so reich, dass er sich, wie er schreibt, mit den Erlösen ein kleines Chalet in der Schweiz bauen konnte.

 

Obwohl der Schriftsteller  auch diesmal nichts über das Innenleben seines einstigen Arbeitsgebers verrät, hält er seine Leser dennoch bei Laune und lässt sie teilhaben an dieser und jener amüsanten Episode. Nebenbei erfahren sie sogar etwas über die vermutlich wahren Gründe für das Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union. An einer  Stelle schreibt er nämlich: „Wir haben es schon vor langem aufgegeben, uns mit Deutschland zu vergleichen. Der Aufstieg des modernen Deutschlands als selbstsichere, nichtaggressive demokratische Macht …ist eine für viele von uns Briten zu bittere Pille, als dass man sie einfach schlucken könnte.“ Vermutlich trifft das auch auf andere Länder zu. Sie schlucken diese Pille und denken dabei an die dicke deutsche Brieftasche.

 

John le Carré, der mit bürgerlichem Namen David Cornwell heißt, hat die Nachkriegszeit mit wachen Sinnen erlebt. Er weiß um die moralische Anrüchigkeit des Bündnisses, das der Westen nach der Niederwerfung Nazideutschlands mit dessen  personeller Hinterlassenschaft  eingegangen ist. Mit ihrer „willkürlichen Entscheidung, ehemalige und selbst gegenwärtige Nazis seien schon qua definitionem dem antikommunistischen Lager zuzurechnen“, hätten sich die westlichen Geheimdienste etwas vorgemacht, schreibt er. Von Reinhard Gehlen, der sich bei Kriegende mitsamt seinem Wissen als ehemaliger Chef des Wehrmachtsgeheimdienstes „Fremde Heere Ost“ an die Amerikaner verkaufte, hielt er nicht viel. Für ihn war Gehlen ein „Effekthascher und Phantast“.

 

Gemäß der Devise „Gleiche Brüder, gleiche Kappen“ verstand Gehlen sich nach eigenem Eingeständnis als Chef des Bundesnachrichtendienstes auf Anhieb glänzend mit dem Chef des Bundeskanzleramtes Hans Globke. Der hatte, wie le Carré bemerkt, selbst nach Nazimaßstäben eine beeindruckende Lebensbilanz vorzuweisen.  Noch vor Hitlers Machtergreifung habe er sich dadurch hervorgetan, dass er antisemitische Gesetze für das Reichs- und das Preußische Ministerium des Innern entworfen habe. Konrad Adenauer habe sich über die Einwände gegen die Wiederverwendung alter Nazis mit der Bemerkung hinweggesetzt, man schütte kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes habe.

 

Er wolle nicht den Eindruck erwecken, seine Zeit als Diplomat in Westdeutschland damit verbracht zu haben, über alte Nazis in hohen Ämtern zu wettern.  „Falls ich gegen die alten Nazis gewettert habe – die so alt gar nicht waren, denn Anfang der 60er trennte uns gerade einmal eine halbe Generation von Hitler – dann nur, weil ich mich mit den Deutschen meines Alters identifizierte, denn sie mussten sich bei den Leuten, die am Untergang ihres Landes beteiligt waren, anbiedern, wenn sie es im Leben zu etwas bringen wollten.“  Ich gehörte altersmäßig zu den Leuten, von denen le Carré spricht. Hätte er sich auch mit mir identifiziert? Ich bezweifle das. Als erklärter Nazigegner wäre ich nie auf die Idee verfallen, mich bei Leuten anzubiedern, die Hitler bis zum Schluss die Treue gehalten haben. Immerhin interessierte sich David Cornwell alias John le Carré für die Opfer des Naziterrors. 1964 suchte er das Gespräch mit Erwin Schüle, der sich als  Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen redlich mühte, Schuldige zur Rechenschaft zu ziehen, bis seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde und er sein Amt aufgeben musste. Anderen hat die Zugehörigkeit zur Partei Hitlers nicht geschadet.

 

Über den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und den Frankfurter Auschwitz-Prozess verliert John le Carré seltsamerweise kein Wort.  Dabei wäre der von den Nazis verfolgte Jurist eine kompetente Adresse gewesen. Mit seiner Forderung, die Wurzeln faschistischen Handelns bloßzulegen, hatte sich Bauer allerdings nicht nur bei den einstigen Parteigängern Hitlers unbeliebt gemacht, sondern auch bei der so genannten bürgerlichen Mitte, die nicht an ihre Kapitulation vor dem Machtanspruch der Nazis erinnert werden wollte. Dass sich auch der penibel recherchierende deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler über den Initiator des Auschwitz-Prozesses und großen Humanisten Fritz Bauer ausschweigt, muss doch einen Grund haben. Seine „Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949 – 1990“  enthält jedenfalls keine Zeile über ihn. Auch in der voluminösen „Chronik des 20. Jahrhunderts“, erschienen im Dortmunder Harenberg Lexikon-Verlag, sucht man seinen Namen vergebens. Der nahe liegende Gedanke an ein Komplott von wem auch immer ist so abenteuerlich, dass er sich von selbst verbietet. Andererseits gibt es so viele abenteuerliche Geschichten über die Geheimdienste, dass nichts unmöglich erscheint.

 

Im Kapitel über den Bundesnachrichtendienst erinnert John le Carré daran, dass eine Kreatur wie der ehemalige Nazi-Gestapochef von Lyon, Klaus Barbie, seit 1965 Informant des BND gewesen ist. Skrupel hielten die Verantwortlichen für unangebracht, schließlich arbeitete Barbie seit vielen Jahren  für den amerikanischen Geheimdienst. Der hatte ihn bereits 1947 angeworben, im selben Jahr, in dem ein französisches Gericht den „Schlächter von Lyon“ in Abwesenheit zum Tode verurteilte. Barbie war nach Kriegsende über die so genannte Rattenlinie nach Lateinamerika geflohen. Bundeskanzler Helmut Kohl soll 1983 seine Auslieferung an die Bundesrepublik verhindert haben, weil er angeblich keine neue Debatte über die Nazivergangenheit aufkommen lassen wollte. 1962 hatte Kohl eine solche Debatte gegenüber Fritz Bauer als verfrüht bezeichnet. Der zeitliche Abstand sei noch zu kurz für ein abschließendes Urteil über den Nationalsozialismus argumentierte er damals.

 

John le Carrés schriftstellerischer Ruhm brachte es mit sich, dass er häufig zu Gast war bei den Mächtigen der Welt, der Himmel weiß, warum nicht auch bei Helmut Kohl. Vielleicht war dem Bundeskanzler der ehemalige Geheimdienstler zu britisch, als dass er ihn nicht an Margret Thatcher erinnert hätte, zu der Kohl ein – wie er sich ausdrückte – „gewissermaßen spezielles“ Verhältnis hatte. Die „eiserne Lady“ wiederum hielt nicht damit hinter dem Berge, dass ihr Deutschlandbild geprägt sei von den Jahren bis 1942, woran sich nichts Wesentliches geändert habe. „Auch von Mrs Thatcher erhielt ich eine Einladung zum Lunch“, erzählt John le Carré. Die Premierministerin habe zu ihm gesagt: Nun, Mr Cornwell, da Sie nun schon mal hier sind, gibt es etwas, das Sie mir mitteilen möchten?“ Da sei ihm eingefallen, dass er gerade aus dem Südlibanon zurückgekehrt war und sich in der Pflicht fühlte, für die staatenlosen Palästinenser zu sprechen. Daraufhin habe die Regierungschefin ihn vehement abgekanzelt: „Kommen Sie mir doch nicht mit diesen rührseligen Geschichten. Tag für Tag appelliert man an meine Gefühle. So kann man doch nicht regieren.“

 

 

Die Abfuhr, die sich John le Carré bei der britischen Premierministerin einhandelte, muss ihn ziemlich verletzt haben, erinnerte sie ihn doch an die Kälte seiner Kindheit. Bis heute habe er keine Ahnung, was für eine Art Mensch seine Mutter gewesen sei, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen. Sein Vater habe es nicht als Widerspruch empfunden, wegen Betruges gesucht zu werden und gleichzeitig auf dem Pferderennplatz in Ascot mit grauem Zylinder im exklusiven Bereich der Rennstallbesitzer aufzutreten. Die Kindheitserlebnisse scheinen David Cornwells Sinne für menschliche Schicksale geschärft zu haben. Gerührt erzählt er von der Beerdigung eines führenden britischen Kommunisten, der für ihn als Informant  gearbeitet aber seine Ideale dennoch niemals preisgegeben habe. Die Beweggründe beschäftigten ihn seit er die Welt der Geheimdienste verlassen habe, schreibt le Carré im Rückblick auf seine anfängliche Tätigkeit für den britischen Inlandsgeheimdienst. Der Mann habe keine Freude an dem falschen Spiel gehabt und sei „als unbekannter Soldat der Kalten Krieges“ gestorben.

 

Vielleicht sollten manche deutsche Politiker und die Beckmesser in den Medien  John le Carrés Erinnerungen zu Hand nehmen, um endlich Zugang zu einem Land zu finden, das „zwanzig Millionen Menschen durch Stalins Henker verlor und weitere dreißig Millionen durch Hitlers Henker“. Er sei zweimal in Russland gewesen, erinnert sich le Carré: Das erste Mal 1987, als es dank Michail Gorbatschow mit der Sowjetunion zu Ende gegangen sei und alle das gewusst hätten, „nur die CIA nicht“; das zweite Mal sechs Jahre später, „als der kriminalisierte Kapitalismus sich den gescheiterten Staat wie in einem Rausch angeeignet hatte und das Land in den Wilden Osten verwandelte“. Was die kollektive russische Seele am meisten fürchte, sei Chaos, was sie am meisten liebe, sei Stabilität. Das schreibt derselbe Mann, der nach dem Erscheinen  von „Der Spion der aus der Kälte kam“ das Ziel literarischer Beschimpfungen durch die sowjetische Seite gewesen ist.

 

Wenn er auf sein Leben zurückblicke, dann sehe er es als eine Abfolge von Verpflichtungen und Fluchten, und er sei heilfroh, dass das Schreiben ihn halbwegs auf der Höhe und bei Verstand gehalten habe. „Ich wollte, dass meine Geschichten nicht als heimliche Enthüllungsstorys eines literarischen Deserteurs gelesen wurden, sondern als Fiktionen, die der Wirklichkeit, die sie hervorgebracht hatte, nur kleinste Kleinigkeiten entlehnt hatten.“  Die Praxis, Spione in angeblich subversive Organisationen einzuschleusen, sei so alt wie die Welt, summiert John le Carré. Zum Beweis zitiert er einen Ausspruch des legendären FBI-Direktors Edgar Hoover, wonach Jesus nur zwölf Jünger gehabt habe, aber einer davon sei ein Doppelagent gewesen.

 

Kein Zweifel, da geht jemand mit etwas Wehmut im Herzen auf Distanz zu sich selbst. „Wenn wir heute von Polizisten lesen, die sich in Friedens- oder Tierschutzorganisationen einschleusen, dann stößt uns das ab, weil wir sofort wissen, dass die Ziele niemals eine solche Täuschung oder gar den Verlust von Menschenleben rechtfertigen.“  In der Tat, welche Ziele auch immer genannt werden, zu keiner Zeit hat eine Idee den bewusst herbeigeführten Tod auch nur eines einzigen Menschen gerechtfertigt. Wer da meint, sich als Angehöriger der Bundeswehr das Recht herausnehmen zu dürfen, Menschen vorsätzlich zu töten, um andere zu retten, geht rechtlich und moralisch in die Irre. Nicht einmal der Staat darf einen Menschen  bewusst töten, geschweige denn ein Einzelner „Die Todesstrafe ist abgeschafft“, bestimmt Artikel 102 des Grundgesetztes. Seine Schöpfer zogen damit die Schlussfolgerung aus dem Wüten deutscher Blutrichter während der Nazizeit.

 

Deutschlands unbewältigte Vergangenheit habe ihn neben all dem anderen, womit er sich während seiner Zeit in Deutschland beschäftigte, nicht losgelassen, schreibt John le Carré zu Anfang seines Buches „Der Taubentunnel“. Insgeheim habe er sich durchaus nicht dem politischen Komment jener Zeit hingegeben. „In gewisser Weise verhielt ich mich wohl wie viele Deutsche in den Kriegsjahren von 1939 bis 1945“. Mit anderen Worten, er hat geschwiegen, obwohl er sah, dass um ihn herum Unrecht geschah. Dies einzugestehen ehrt ihn und macht ihn mir im Nachhinein sympathisch. John le Carré hat ein weiches Herz. Er  lässt uns nicht nur teilhaben an seinem Leben, sondern erinnert uns auch im Plauderton und ohne erhobenen Zeigefinger an einen Abschnitt deutscher Geschichte, den die einen vergessen möchten und von dem andere nie etwas erfahren haben.

 

 

John le Carré, Der Taubentunnel, Ullstein 2016, 381 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gaucks Steckenpferd

 

Nachwort zu seinem Besuch in Babi Jar

 

Kurt Nelhiebel

 

Bremen (Weltexpresso). Nein, hier soll nicht noch einmal von dem Unbeschreibbaren die Rede sein, das sich vor 75 Jahren am Rande der Schlucht von Babi Jar zugetragen hat, sondern vom Umgang mit dem beispiellosen Verbrechen durch die Nachfahren der Täter. Was haben deutsche Schüler erfahren von dem grausamen Massenmord an mehr als 33.000 jüdischen Frauen, Kindern und Männern? Nicht viel, oder besser gesagt –  nichts.

 

Als der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Anfang der 1960er Jahre den Mantel des Schweigens zu zerreißen versuchte, war an den höheren Schulen des Landes Rheinland-Pfalz ein Geschichtsbuch im Schwange, das die Verfolgung der Juden mit sieben Zeilen abtat. Das ist heute nicht mehr so. Inzwischen warnen Historiker besorgt von einem „deutlich vernehmbaren Aufarbeitungsstolz“, so als habe sich dem deutschen Wirtschaftswunder ein deutsches Vergangenheitsbewältigungswunder hinzugesellt. Die Deutschen hätten im Gegensatz zu anderen Ländern eine „beispiellos ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“ aufzuweisen, prahlte NDR Kultur am 16. Oktober 2015.

 

Einer von denen, die sich diesen Ruhmeskranz liebend gern um ihr Haupt legen lassen, heißt Joachim Gauck. Nicht weniger als zwölf Reden habe er als Bundespräsident zum Gedenken an die Opfer der Nazis und an den von Deutschen angezettelten zweiten Weltkrieg gehalten, war dieser Tage zu lesen. In der Tat ist Gauck während  seiner Amtszeit an viele Stätten des Gedenkens gereist, nach Oradour in Frankreich zum Beispiel, nach Lidice in der Tschechischen Republik, nach Distomo in Griechenland und oder jetzt eben auch in die Ukraine, um dort vor Ort die Erinnerung an die vergessenen Opfer von Babi Jar zu beschwören. Nur ein Land hat Gauck als Bundespräsident nie besucht, die ehemalige Sowjetunion, obwohl sie im Zweiten Weltkrieg den höchsten Blutzoll entrichten musste; 26 Millionen Menschen mussten sterben, etwa die Hälfte davon Zivilisten. Und wenn nicht alles täuscht, wird er auch in der verbleibenden Amtszeit seinen Fuß niemals auf den Boden des von Deutschen gepeinigten Landes setzen, so als müsste er den Russen heimzahlen, dass sein Vater 1951von einem sowjetischen Militärgericht in der DDR verurteilt wurde und vier Jahre in einem sibirischen Arbeitslager verbringen musste.

 

Dieses Kindheitserlebnis machte aus dem Pastor einen ewig missionierenden Antikommunisten, für den Kommunismus und Nazismus auf einer Stufe stehen, so als seien die sowjetischen Befreier von Auschwitz ebenso kriminell gewesen, wie die deutschen Bewacher. Auch in Babi Jar konnte Gauck nicht herunter von seinem Steckenpferd einer vereinheitlichten europäischen Erinnerungskultur, bei der Täter und Opfer sich verbrüdern. An Deutsche, Juden, Ukrainer, Russen und Polen gerichtet sagte er: „Wir, die wir verstehen wollen, wie es dazu kommen konnte, dass unsere Väter und Großväter zur Mördern oder zu Opfern wurden, sind heute aufeinander angewiesen.“ Sollen die Europäer also nachträglich Verständnis dafür aufbringen dass deutsche Soldaten als quasi willenlose Vollstrecker des Schicksals wehrlose Menschen  kaltblütig ermordeten?

 

Anscheinend hat Joachim Gauck sich zu Herzen genommen, was der Historiker Heinrich August Winkler den Deutschen am 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus im Bundestag zurief, nämlich dass sie sich „durch die Betrachtung ihrer Geschichte nicht lähmen lassen“ sollten. Genügt es nicht, dass Deutschland als wirtschaftliche Großmacht den Kurs der Europäischen Union bestimmt? Will es jetzt auch noch die Rolle als moralische Großmacht übernehmen, wie Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung vom 18. September 2015 unkte? Zumindest das sollte uns erspart bleiben. Sonst war auch der Blick in die Abgründe vergessener deutscher Schuld am 75. Jahrestag des Massakers von Babi Jar umsonst.

 

Aus „Weltexpresso“ 3. Oktober 2016

Abgang eines Eiferers

 

Was Joachim Gauck schon alles gesagt und was er nicht gesagt hat

 

Kurt Nelhiebel

 

Ja, er hat viel Richtiges gesagt, aber auch viel Falsches. Manches allerdings hat er niemals überhaupt gesagt, obwohl er es hätte sagen sollen, so zum Beispiel den Satz: Demnächst werde ich nach Moskau reisen. Das Land zu besuchen, das am schlimmsten unter der deutschen Knute gelitten hat, das brachte er nicht übers Herz. Wie ein Brennglas bündelt die Weigerung Joachim Gaucks, sich wie einst Willy Brandt in Demut vor den Opfern deutscher Brutalität  zu verneigen, die Geisteshaltung eines Mannes, der eine Begebenheit aus Kindertagen anscheinend zum Fixpunkt seines Lebens gemacht hat. Sein Vater musste wegen seiner Nazivergangenheit einige Jahre in einem sibirischen Arbeitslager verbringen. Das machte ihn, der als Pfarrer dem Gedanken der Versöhnung zugeneigt sein sollte, zum politischen Eiferer, der sich immer dann engagierte, wenn es darum ging, die von Thomas Mann als Menschheitsidee bezeichnete kommunistische Idee mit der verbrecherischen Nazi-Ideologie zu vergleichen.

 

Als  2008 antikommunistische Dissidenten  aus Osteuropa in Prag eine „Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus“ beschlossen, war Joachim Gauck als einer der Erstunterzeichner sofort zur Stelle.  Die Willensbekundung verlangt unter anderem eine Änderung der Schulbücher und einen gemeinsamen Tag des Gedenkens an die Opfer Hitlers und Stalins. Als Gedenktag wurde der 23. August gewählt, der Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939. Noch im selben Jahr entsprach das Europäische Parlament dem Drängen ohne lange Beratung im Schnelldurchgang.

 

2006 nahm Gauck die ehemalige lettische Außenministerin und EU-Kommissarin Sandra Kalniete in Schutz, nachdem sie auf der Leipziger Buchmesse mit ihrer Aussage, Nationalsozialismus und Kommunismus seien gleichermaßen kriminell gewesen, einen Eklat verursacht hatte. Salomon Korn und andere Vertreter des Zentralrates der Juden in Deutschland verließen die Veranstaltung unter Protest. Korn begründete seinen Weggang  mit den Worten, man dürfe nicht den Nationalsozialismus, der 48 Millionen Menschen das Leben gekostet habe, mit dem Kommunismus gleichsetzen. In einer Rede zum Thema „Welche Erinnerungen braucht Europa?“ stieß sich Gauck daran, dass man Sandra Kalniete  barsch entgegengehalten habe, sie solle zuvörderst der Helfer der Nazis gedenken, die bei der Judenvernichtung mitgewirkt hätten. „Ich kann mich nicht daran erinnern“, sagte er, „dass man Frankreich vom Ausland aus seinerzeit so auf Vichy angesprochen hat.“ Das Frankreich der Nachkriegszeit habe „sich selbst seine Resistance“ geglaubt und danach mit der „Bearbeitung der lange verdrängten Kollaboration“ begonnen.

 

Diese Brüskierung Frankreichs hätte Joachim Gauck eigentlich für ein hohes Staatsamt disqualifizieren müssen. Stattdessen wurde er kurz danach von SPD und Grünen als Kandidat für das Präsidentenamt nominiert und  2012 tatsächlich in das höchste Staatsamt gewählt. Schon im Jahr darauf fühlt Gauck sich berufen, Thomas Manns „Diktum“ vom Antikommunismus als Grundtorheit der Epoche zu entsorgen. Das stamme aus der Zeit des Kalten Krieges. Es gebe auch einen anderen Antikommunismus, der aus Leid und Erfahrung entstanden sei. Für ihn und unzählige Menschen in Mittel- und Osteuropa, so Gauck am 17. Juni 2013, sei „dieser aufgeklärte Antikommunismus nicht nur ein Erfordernis zur Verteidigung unserer politischen Kultur, sondern auch – als Empathie mit den Opfern – ein Gebot des Humanismus.“

 

Das hinderte ihn nicht, später zu erklären: „Wir werden nicht zulassen, dass das Wissen um die besondere historische Verantwortung Deutschlands verblasst.“  Gauck sagte das 2015 zum 50jährigen Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Im selben Jahr war Gauck als Staatsgast in Israel. Wird er sich während seiner verbleibenden Amtszeit vielleicht doch noch zu einem Besuch Russlands entschließen? „Ihre Haltung gegenüber der russischen Regierung ist bekanntermaßen kritisch. Nach Moskau dürften Sie nicht mehr eingeladen werden. Bedauern Sie das?“ hatte die Süddeutsche Zeitung vom 2./.3. Mai 2015 den Bundespräsidenten gefragt: Seine Antwort: „Anders als manche Beobachter mutmaßen, habe ich überhaupt kein Problem mit Russland und seinen Menschen.“  Mal sehen, was daraus wird.

 

Aus „Weltexpresso“ 2016