Cui bono? Syrien und der militärisch-industrielle Komplex in den USA

Cui bono?

 

Syrien und der militärisch-industrielle Komplex in den USA

 

Kurt Nelhiebel

 

 

Bremen (Weltexpresso) – In Trümmern liegen jetzt nicht nur die vermeintlichen syrischen Giftgasproduktionsstätten, sondern auch der verbliebene Rest des Völkerrechts, auf das sich der Westen gern beruft, wie etwa bei der Einverleibung der Krim durch Russland. Damals fiel kein einziger Schuss, jetzt aber war alles nur blanke militärische Gewalt, eine bloße Strafaktion, die weder an der Situation in Syrien etwas ändert noch an der Lage auf dem Dauerkrisenherd Nahost.

 

Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da ein Ende der Kämpfe in Syrien in Sichtweite war, allerdings auch der militärische Sieg des Assadregimes über seine innenpolitischen Gegner. Das und weniger der Abwurf einer Giftgasbombe ist offenbar der Grund für die von Donald Trump und dem militärisch-industriellen Komplex in den USA eingefädelte eher auf propagandistische denn auf tatsächliche Erfolge angelegte Militäraktion, mit der die Welt wieder einmal an den Rand eines Krieges bugsiert worden ist.

 

Für Baschar Hafiz al-Assad bestand keine Notwendigkeit für den Einsatz von Giftgas. So etwas konnte sich für ihn nur nachteilig auswirken. Einen Nutzen sowohl von dem sinnlosen Abwurfs einer Giftgasbombe, als auch von dem nicht weniger sinnlosen, einzig von den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien unterstützten militärischen Angriff der USA auf Syrien haben nur die marodierenden Gegner Assads im eigenen Land und ihre Waffenlieferanten. Sie und die an der Macht über die Bodenschätze im Nahen Osten interessierten internationalen Konzerne scheint das bevorstehende Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien so in Panik versetzt zu haben, dass sie das Risiko eines Weltenbrandes in Kauf nehmen, um ihre unstillbare Profitgier zu befriedigen.

 

Dass Angela Merkel den Mut hatte, eine deutsche Beteiligung an der Kriegstreiberei des unberechenbaren amerikanischen Präsidenten abzulehnen, kann ihr nicht hoch genug angerechnet werden.  Daran ändert auch nichts, dass sie sich hinterher, um den Rückhalt nicht ganz zu verlieren, den Weihrauchkesselschwenkern anschloss. Etwas scheint  bei der  Bundeskanzlerin hängen geblieben zu sein von der Sozialisation in der DDR und vom Wissen um den unheilvollen Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Begriff geht auf den amerikanischen Soziologen Charles Wright Mills zurück. Er sah in der engen Verflechtung von Militär, Industrie und Politik eine ernsthafte Bedrohung für den demokratischen Staatsaufbau und ein Risiko für militärische Auseinandersetzungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.

 

Bekannt wurde der Begriff durch die Abschiedsrede des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower vom 17. Januar 1961, in der dieser ausdrücklich vor den Verflechtungen und Einflüssen des militärisch-industriellen Komplexes in den USA warnte. Eisenhower wusste, wovon er sprach, war er doch selbst einst Generalstabschef der Armee. Wie Mills sah auch er die demokratischen Institutionen und die Demokratie schlechthin durch den militärisch-industriellen Komplex bedroht. Durch dessen Einwirkung auf Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft könne die politische Führung veranlasst werden, so Eisenhower, Konflikte eher militärisch als politisch lösen zu wollen und damit als verlängerter Arm der Lobby der Rüstungsindustrie agieren.

 

Vielleicht sollte Eisenhowers Rede allen Teilnehmern des bevorstehenden EU-Gipfels in Brüssel als Orientierungshilfe auf den Tisch gelegt werden, wenn sie über die Lage nach dem völkerrechtwidrigen militärischen Angriff auf Ziele in Syrien beraten. Immerhin haben sich zwei Mitgliedsstaaten offensichtlich ohne Absprache mit den Regierungen der Partnerländer an dem Willkürakt beteiligt. Wenn den Rechtspopulisten nicht Wasser auf die Mühlen gelenkt werden soll, werden die Regierungschefs deutlich machen müssen, dass die Europäer nicht die Erfüllungsgehilfen eines übergeschnappten amerikanischen Präsidenten sind.

 

(Weltexpresso 15. 4. 2018)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kein Platz im Ersten für preisgekrönten Dokumentarfilm über Fritz Bauer

„Ist es auch Wahnsinn…“

Kein Platz im Ersten für preisgekrönten Dokumentarfilm über Fritz Bauer

 

Von Kurt Nelhiebel

Vor acht Jahren erlebte ein deutscher Dokumentarfilm auf der Berlinale seine glanzvolle Uraufführung, der auf der ganzen Welt in zahlreichen Sprachversionen gezeigt wird – nur nicht im Ersten Deutschen Fernsehen. Sein Titel Fritz Bauer – Tod auf Raten. Er handelt von dem Mann, der Auschwitz vor Gericht brachte und 1968 unter ungeklärten Umständen zu Tode kam. Die Deutsche Film- und Medienbewertung bezeichnete den Film als „unermesslich wichtiges Zeitdokument“, das neue Aspekte zu einem Kapitel deutscher Geschichte freilege, und verlieh ihm einstimmig das höchste Prädikat „Besonders wertvoll“.

Warum weigert sich die ARD, den Film im Ersten zu zeigen? Lag es wirklich nur an der Länge von 90 Minuten, wie anfänglich behauptet wurde, oder liegt es am Inhalt, der die Unlust der deutschen Nachkriegsgesellschaft zur Auseinandersetzung mit der Nazizeit dokumentiert? Die Bekenntnisse der ARD zu Transparenz und Zuschauernähe im Ohr habe ich versucht, die Wahrheit zu ergründen, und erlebte mein blaues Wunder. Ganz schnell bewegte mich über die journalistische Neugier hinaus immer stärker noch etwas Anderes, meine Verbundenheit mit dem hessischen Generalstaatsanwalt, der mir kurz nach Beginn des Auschwitz-Prozesses das Manuskript einer seiner wichtigsten Reden zur Veröffentlichung überlassen hat. Die antifaschistische Wochenzeitung Die Tat stellte mir dafür am 7. März 1964 eine ganze Seite zur Verfügung, heute die einzige Quelle für Bauers oft zitierten Satz: „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“

Fritz Bauer hatte sich nach seiner Rückkehr aus dem Exil wegen der Verfolgung von Nazi-Verbrechern und seines politischen Engagements viele Feinde gemacht. Zum Ärger der CDU und der Bundesregierung leitete er ein Vorermittlungsverfahren gegen den Staatssekretär im Bundeskanzleramt und ehemaligen Rassegesetz-Kommentator, Hans Globke, ein, und er gehörte zu den prominentesten Gegnern der Notstandsgesetze. Seine Kritiker warfen ihm vor, mit seinen ständigen Stellungnahmen zu aktuellen Problemen ein schlechtes Vorbild abzugeben. Die CDU beantragte Bauers Amtsenthebung, scheiterte damit aber im hessischen Landtag am Widerstand der SPD. Bei einem Streitgespräch über die Ursachen der Nazi-Verbrechen, das ich 1962 als Journalist hautnah miterlebt habe, hielt der rheinland-pfälzische CDU-Landtagsabgeordnete und spätere Bundeskanzler Helmut Kohl dem hessischen Generalstaatsanwalt entgegen, der zeitliche Abstand zum so genannten Dritten Reich sei noch viel zu kurz, um ein abschließendes Urteil über den Nationalsozialismus fällen zu können.

 

Ein Chefredakteur fühlt sich belästigt

Um diese politischen Auseinandersetzungen und um die Widerstände, mit denen Fritz Bauer zu kämpfen hatte, geht es in dem Dokumentarfilm, Fritz Bauer – Tod auf Raten, dessen inhaltliche Schlüssigkeit von niemandem angezweifelt wird. Als am 1. Juli 2016 der Journalist Rainald Becker das Amt des ARD-Chefredakteurs übernahm, bat ich ihn, die Entscheidung aus dem Jahr 2014, den Film nicht im Ersten zu zeigen, zu überdenken und gab mich bei der Gelegenheit als einer der Zeitzeugen zu erkennen, die in dem Film zu Wort kommen. Der Film sei ja inzwischen anstandslos nicht nur von zwei Landesprogrammen ausgestrahlt worden, sondern auch auf Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF, zu sehen gewesen. Es dauerte zehn Tage, ehe mir der neue ARD-Chefredakteur am 8. September 2016 durch eine Mitarbeiterin mitteilen ließ: „Rainald Becker zweifelt die Entscheidung seines Vorgängers Thomas Baumann über den Film ‚Fritz Bauer – Tod auf Raten’ nicht an. Der Film wird nicht im Ersten Deutschen Fernsehen gezeigt.“  Zu den Gründen kein Wort.

Am 23. November 2016 teilte Becker mir mit: „Bitte haben Sie Verständnis, dass sich unsere Koordination zu diesem Projekt des Saarländischen Rundfunks nicht weiter äußern wird.“ Am nächsten Tag schrieb er: „Ich habe Ihre E-Mail zur Kenntnis genommen und leite sie zuständigkeitshalber an den Saarländischen Rundfunk weiter. Darüber hinaus möchte ich Sie bitten, von weiterer Korrespondenz an mich abzusehen.“ Hatte da jemand kalte Füße bekommen? Anders als der ARD-Chefredakteur es dazustellen versuchte, war der Saarländische Rundfunk als Koproduzent keineswegs zuständig. Nicht er hat entschieden, den Film abzulehnen, sondern genau jene ARD-Koordination, für die Reinald Becker als Nachfolger von Thomas Baumann zuständig war, beziehungsweise der Geschichtliche Arbeitskreis der ARD in Gestalt seiner Vorsitzenden Claudia Schreiner.

 

Eine Vorsitzende wird kleinlaut

An sie hatte ich mich bereits am 22. August 2016 mit der Frage gewandt, ob der Dokumentarfilm möglicher Weise nicht den gesetzlichen Anforderungen an die Gestaltung von Sendungen entspreche. Aber Claudia Schreiner ließ meinen Brief unbeantwortet.  Daraufhin trug ich mein Anliegen der ARD-Vorsitzenden und Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, Karola Wille, vor, und bezeichnete die Ablehnung des Films als medienpolitischen Skandal. Auch die ARD-Vorsitzende würdigte mich keiner Antwort. Schließlich bat ich den Vorsitzenden des Programmbeirates der ARD, Paul Siebertz, der Programmbeirat möge sich der Sache annehmen. Aber auch der Vorsitzende dieses Gremiums antwortete nicht.

Dafür meldete sich nach neun Wochen, am 5. Dezember 2016, überraschend die ARD-Vorsitzende Wille, vermutlich auf einen Wink des Programmbeiratsvorsitzenden hin. Mein Anliegen sei in der ARD bekannt, schrieb sie mir. In den umfangreichen Brief- und E-Mail-Verkehr sei die Vorsitzende des Geschichtlichen Arbeitskreises, die Ebene der Chefredakteure der ARD und der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens einbezogen worden. Sie entschuldigte sich, mir nicht auf „historisch-fachlicher Ebene“ begegnen zu können, bekannte sich aber uneingeschränkt zu der Entscheidung der „Runde aller ARD-Chefredakteure und Kulturchefs“, den Film nicht im Ersten einzusetzen.

Aber hat diese Runde wirklich entschieden? Am 6. September 2016 hatte mir die Programmdirektion des Ersten Deutschen Fernsehens etwas ganz anderes mitgeteilt. Danach erreichte der Film im Geschichtlichen Arbeitskreis der ARD „nach ausführlicher Diskussion nicht die erforderliche Punktzahl, um der für das Erste zuständigen Kultur- und Chefredakteurskonferenz zur Entscheidung vorgelegt zu werden.“ Wie konnten die Damen und Herren über etwas entscheiden, das ihnen gar nicht zur Entscheidung vorgelegt worden ist? Was hat es – vor diesem Hintergrund – auf sich mit der Mitteilung, der ARD-Chefredakteur Rainald Becker zweifle „die Entscheidung seines Vorgängers Thomas Baumann über den Film ‚Fritz Bauer –Tod auf Raten’“ nicht an?  Hat Baumann am Ende ganz allein entschieden, den Film aus dem Ersten Deutschen Fernsehen zu verbannen? Das wäre der Hammer.

Zurück zum Brief von Frau Professor Dr. Wille, in dem sie aus dem Protokoll der Sitzung des Geschichtlichen Arbeitskreises der ARD vom 24. November 2014 zitiert: „Das Projekt erreicht nicht die erforderliche Punktzahl… Kritikpunkte waren u. a. der inhaltliche Zugang, der zu sehr die Mordthese in den Vordergrund rückt.“ Auf meine Rückfrage ließ mir die ARD-Vorsitzende am 14. Februar 2017 durch ihren Programmdirektor, einen gelernten Sportjournalisten, ausrichten, „dass wir Ihrer Forderung nach Übermittlung der konkreten Argumentation des Geschichtlichen Arbeitskreises nicht nachkommen können.“

War also alles nur heiße Luft, was zur Mordthese und ihrer angeblichen Überbetonung hinausposaunt worden ist? Aber da gab es im Protokoll des Geschichtlichen Arbeitskreises ja noch den Satz: „Der HR berichtet, dass bei der Vorführung der 90-Minuten-Dokumentation in Frankfurt sich verschiedene Zeitzeugen und das Fritz-Bauer-Institut vom Film distanzierten.“ Das stellte der kommissarische Direktor des Instituts, Prof. Dr. Werner Konitzer, auf Rückfrage schriftlich ganz entschieden in Abrede. Der juristische Direktor des Hessischen Rundfunks, Jürgen Betz, den ich um Rat gefragt hatte und der inzwischen im Ruhestand ist, schrieb mir, wenn sich der Sachverhalt so zugetragen habe, wie ich ihn schildere, habe „die ARD allerdings ein Erklärungsproblem“. Seine Kollegin, die Fernsehdirektorin des Hessischen Rundfunks, Gabriele Holzner, werde meinen Fragen nachgehen.

 

Eine Fernsehdirektorin stellt sich taub

Frau Holzner bestätigte, dass der Hessische Rundfunk den Geschichtlichen Arbeitskreis über den – wie sie schrieb – Eklat bei einer öffentlichen Vorführung des Films in Frankfurt Ende 2010 informiert hat. Auch die Konferenz der Chefredakteure und Kulturchefs der ARD sei unterrichtet worden. Zum Beweis für den Eklat legte sie einen Artikel der FAZ vom 2. Dezember 2010 bei. Aber in diesem Artikel steht kein Wort davon, dass sich das Fritz-Bauer-Institut von dem Film distanziert hat. Es heißt dort, der anwesende Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Raphael Gross, habe es als Leistung des Films gelobt, die individuelle Empörung über die Verbrechen des Nationalsozialismus zu vermitteln.

Auch die Behauptung, verschiedene Zeitzeugen hätten sich von dem Film distanziert, findet in dem Artikel keine Stütze. Distanziert hat sich nur Bauers Testamentsvollstrecker Manfred Amend, der in dem Dokumentarfilm neunzehn Mal zu Wort kommt und an einer Stelle bemängelt, dass bei Fritz Bauer nicht eine Obduktion vorgenommen worden sei, „um festzustellen, ob ein natürlicher Tod vorliegt, ein Suizid oder ein Tod, der auf Fremdverschulden hinweist“. Jetzt bezeichnete er Gerüchte über einen nicht natürlichen Tod Fritz Bauers als „frivole Verdächtigungen“. Einem abschließenden Statement verweigerte er sich, wie die FAZ ausdrücklich anmerkte.

Falsch ist auch die Behauptung, der Film rücke zu sehr die Mordthese in den Vordergrund. Nur 48 der insgesamt 1.014 Zeilen der Dialogliste befassen sich mit den Umständen des Todes von Fritz Bauer. Niemand behauptet, Fritz Bauer sei ermordet worden, obwohl es an Todesdrohungen gegen Fritz Bauer nicht gefehlt hat. Zwei Wochen nach der Ablehnung des Dokumentarfilms über den Initiator des Auschwitz-Prozesses zeigte das Erste Deutsche Fernsehen einen Dokumentarfilm über den obersten SS-Führer Heinrich Himmler, von dem der Berliner Tagesspiegel schrieb, er zeige den „Massenmörder als Biedermann“. Titel des Films: Der Anständige. Kam niemand auf die Idee, den Film abzulehnen, weil er die These vom unschuldigen Himmler zu sehr in den Vordergrund rückt?

Unbeeindruckt von den Fakten bekräftigte die Fernsehdirektorin des Hessischen Rundfunks die Ablehnung des Films. Auch keine Aufführung zum 50. Todestag Fritz Bauers? Nein. Eine weitere Erörterung der unterschiedlichen Sichtweisen führe zu nichts, schrieb sie mir am 6. März 2017, zumal die Entscheidung, den Film nicht im Ersten auszustrahlen, gefallen sei und eine erneute Diskussion nicht in Aussicht stehe.

 

Ihre Majestät im Abseits

Der hochfahrende Ton erinnerte mich an einen Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 23. November 2015 mit der Überschrift „Ihre Majestät, die ARD“. Darin hieß es: „Die ARD kann auch anders, sie bietet gesellschaftlich wichtigen Journalismus. Sie muss aber endlich lernen, dass sie ihrem Publikum Transparenz und Mitsprache schuldig ist… Die ARD ist kein vordemokratisches Königtum, in dem Majestäten einsame Entscheidungen fällen.“

Als der Film Fritz Bauer – Tod auf Raten am 7. Mai 2016 auf Phoenix gezeigt wurde, hatte ich das zum Anlass genommen, die Programmgeschäftsführerin Michaela Kolster nach ihren Beweggründen zu fragen. Erstmals hörte ich einen menschlichen Ton. Der Film habe doch „insgesamt viel Zuspruch und positive Rezensionen im In- und Ausland“ erhalten, antwortete sie. Weder fernsehjournalistische noch filmdokumentarische Gründe sprächen gegen eine Ausstrahlung. Deshalb sei der Film auf Phoenix auch in eine vielfältige Berichterstattung zum Themenschwerpunkt „Der Holocaust vor Gericht“ eingebunden gewesen.

Die Zuschauer in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland haben den Film auf 3sat zu sehen bekommen. Das ist ein öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm, das von den Landesrundfunkanstalten der ARD, vom ZDF sowie vom österreichischen und dem schweizerischen Fernsehen betrieben wird. Am 9. Oktober 2016, zur selben Zeit, als der ARD-Chefredakteur Rainald Becker mir gegenüber bekräftigte, dass der Film nicht im Ersten Deutschen Fernsehen gezeigt werde, lief er zur besten Sendezeit auf dem ARD-Nachrichtenkanal „tagesschau24“. In einem Werbetext beschrieb ihn die ARD als „eindrucksvolles Porträt eines der bedeutendsten Juristen des 20. Jahrhunderts“.

Am 17. Januar 2018 habe ich den neuen ARD-Vorsitzenden und Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, gebeten, den Film anlässlich des bevorstehenden 50. Todestages von Fritz Bauer doch noch im Ersten zu zeigen, da sich alle Einwände als nicht stichhaltig erwiesen hätten. Nach sechs Wochen ließ er mir ohne eine Wort der Begründung über die Zuschauerredaktion der Programmdirektion des Ersten Deutschen Fernsehens mitteilen: „Wir haben auch weiterhin nicht geplant, den Dokumentarfilm ‚Fritz Bauer – Tod auf Raten’ im Ersten Deutschen Fernsehen auszustrahlen.“

„Allerdings“, heißt es dann weiter, „werden wir den ehemaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer anlässlich seines 50. Todestages sehr wohl würdigen.“ Im Mai werde ein Spielfilm ausgestrahlt werden, der Fritz Bauer bei seiner Arbeit zeige. Gesendet werden soll jener Film, von dem die Biografin Fritz Bauers, Irmtrud Wojak, schreibt, er zeige eine der wegweisenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts als jämmerliche Karikatur seiner selbst. „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“. (Shakespeare, Hamlet).

 

Über den Verfasser

Als Sohn deutscher Eltern 1927 in Nordböhmen geboren veröffentlichte Kurt Nelhiebel nach der Vertreibung 1959 einen Artikel über die Nazivergangenheit des Bundesvertriebenenministers Theodor Oberländer (CDU), der eine Lawine auslöste und den Minister im Jahr darauf zum Rücktritt zwang.

1964 erinnerte er daran, dass der soeben mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Ruhrchemie AG, Heinrich Bütefisch, 1948 wegen Beteiligung an Verbrechen in Auschwitz zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Bütefisch musste den Orden noch am selben Tag zurückgeben.

2010 kritisierte der Verfasser die geschichtsrevisionistische Ausrichtung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung durch den Gründungsdirektor Manfred Kittel. Vier Jahre danach wurde Kittel mit sofortiger Wirkung von seinem Amt entbunden. 2014 erhielt Nelhiebel den Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen.

2017 bekam er in Würdigung seiner Tätigkeit als Publizist für die Aufarbeitung der jüngsten Geschichte Deutschlands sowie für Versöhnung und Völkerverständigung den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande.

 

Kontakt: kurt-nelhiebel@t-online.de
Webseite des Autors: http://www.kurt-nelhiebel.de

 

Zitat: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuelles/kurt-nelhiebel-05-03-2018-ist-es-auch-wahnsinn

Über das Erinnern im Alter

 

Zu Claudia Schulmerichs Filmkritik „Das Leuchten der Erinnerung“

 

Kurt Nelhiebel

 

Bremen (Weltexpresso) – Jedes Mal schwanke ich, ob ich mir einen Film über das Älterwerden oder das Altsein ansehen soll oder nicht. So auch bei dem Film „Das Leuchten der Erinnerung“, den Claudia Schulmerich an dieser Stelle eindrucksvoll besprochen hat. Wie man sich fühlt, wenn die Kräfte nachlassen, muss ich mir nicht auf der Leinwand ansehen. An den Tölpeleien alter Menschen kann ich mich nicht ergötzen, und dass Andere nicht besser dran sind als ich, tröstet mich nicht.

Alte Dias ansehen könnte vielleicht Spaß machen. Aber die Zeugen einer versunkenen Zeit liegen gut aufbewahrt irgendwo in einer Ecke. Allein der Gedanke, auf dem staubigen Dachboden nach ihnen suchen zu müssen, sie in das Magazin des Vorführgerätes einzusortieren, das Gestell für die Leinwand auseinander zu klappen und dann auch noch das Zimmer zu verdunkeln, vertreibt mir die Lust dazu. Selbst wenn ich mich überwinden könnte – würden mich die Bilder aus meinem früheren Leben mit Frau und Kindern nicht wehmütig stimmen?  Aber eines Tages, dessen bin ich mir sicher, werde ich sie hervorkramen.

Leuchtet die Erinnerung wirklich?  Manches bleibt doch besser in der Versenkung. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“, heißt es in der „Fledermaus“ von Johann Strauß, die man kaum noch hört. Auf  ein erfülltes Leben zurückblicken zu können, macht die Sache nicht besser. Davon lässt weder der Schmerz im Knie und im Rücken nach,  geschweige denn die Trauer um ein verlorenes Kind oder um den Menschen, mit dem man ein Leben lang Tisch und Bett geteilt hat. Andererseits – als ich erstmals nach Jahrzehnten  meine alte Heimat wiedersah, schrieb ich am Schluss:

 

„Nirgendwo sonst entflammt der September das Ahornlaub so in leuchtendem Rot, verströmt so verschwenderisch die Erde ihr Blut  an den herbstlichen Himmel. Wie in der Dünung eines gütigen Ozeans wiegen rostfarbene Felder sich von Hügel zu Hügel und der frische Acker duftet wie in den Tagen der Kindheit. Behutsam legt die Erinnerung ihren Arm um mich und lässt mich die Kälte des Abschieds vergessen.“

 

Wenn das Leben liebeleer wird, wenn das Begehren schwindet und die Angst vor dem eigenen Tod von der Angst verdrängt wird, einem nahe stehenden Menschen damit wehtun zu müssen, dann wird es zappenduster. Dann bleibt einem wirklich nur noch die Arbeit. Sie ist  die einzige wahre verlässliche Trösterin. Aber verstehen die Mitmenschen auch, warum einer in vorgerücktem Alter immer noch meint, das Zeitgeschehen kommentieren zu müssen? Sind seine Ansichten nachvollziehbar für Menschen, die mit ganz anderen Bildern von der Welt  ins Leben hineingewachsen sind?

Nur wer die Gräuel der Nazizeit bewusst miterlebt hat, wird sofort verstehen was gemeint ist, wenn ich sage: Wer weiß, was in Auschwitz geschah, ist für immer gegen den Naziungeist gefeit.  Aber wem leuchtet die Erinnerung an Auschwitz heute noch auf dem Weg der Erkenntnis?  Die Hügel über den Opfern werden flacher. Auf den Gräbern blühen die Blumen von heute und nicht mehr die Rosen von gestern. Die Welt dreht sich weiter. „Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren, haschten nach Schattenkünsten und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten und waren vielleicht doch glücklich.“ (Heinrich Heine, 1846, Brief an Karl August Varnhagen von Ense).

 

Bin ich noch auf der Höhe der Zeit, dass ich nicht weiß, was unter einer „übergriffigen Situation“ zu verstehen ist, von der Claudia Schulmerich in ihrer Filmkritik spricht?  Ich muss da vermutlich die eine oder andere Einschränkung machen. Was das große Ganze betrifft, habe ich meine Sinne noch beisammen. Noch halte ich es mit Stefan Zweig, der da meinte, dass sich gerade die unerfüllten Ideale als die unüberwindlichsten erweisen. „Nur Ideale, die sich nicht durch Realisierung verbraucht oder kompromittiert haben, wirken in jedem neuen Geschlecht als Element sittlichen Antriebs fort.“ (Stefan Zweig, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam).  Vielleicht sollten wird das mit dem Leuchten nicht allzu ernst nehmen. Hoch genug gestellt kann auch ein kleines Licht weit leuchten.

 

(Weltexpresso, 6. 1. 2018)

Mit Heinrich Heine ins neue Jahr

Wie man als Journalist einseitigen Irrtümern entgeht

 

Conrad Taler

 

Bremen (Weltexpresso) – Im Grunde ist es ja peinlich. Seit Monaten wartet Europa, oder das, was Brüssel darunter versteht,  sehnsüchtig auf  Führung  durch Deutschland, aber hundert Tage nach einer ganz normalen Parlamentswahl ist Deutschland immer noch ohne eigene neue Führung. Dabei kann es vor Kraft kaum noch laufen. Die Wirtschaft brummt und die Steuereinnahmen sprudeln wie lange nicht.

 

Anscheinend haben die Hauptbeteiligten Angst vorm Regieren. Es ist ja nicht so, dass nur die Sozialdemokraten mit schlotternden Knien in die Sondierungsgespräche über eine neue Regierung gehen. Auch die Unionsparteien haben die nächsten Wahlen im Blick. Die CSU muss befürchten, dass ihr die AfD bei der bevorstehenden Landtagswahl weitere Wähler abspenstig macht, und die CDU blickt sorgenvoll auf den nachlassenden Glanz ihrer Strahlefrau Angela Merkel. Von einer zündenden Idee weit und breit keine Spur. Zumindest in diesem Punkt herrscht Einigkeit, wenn auch mit Abstrichen.

 

Alle fühlen sich aufgehoben in einer Wertegemeinschaft. Früher verstand man darunter die Freiheit. Aber auch die liebt jeder auf seine Weise, wie Heinrich  Heine bemerkte, als er sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach England begab. „Es war nicht die Angst, die mich wegtrieb“, bekannte er später, „sondern mehr das Klugheitsgesetz, das jedem rät, nichts zu riskieren, wo gar nichts zu gewinnen ist.“ In seinen „Englischen Fragmenten“ schreibt er: „Es lässt sich nicht leugnen, dass auch die Deutschen die Freiheit lieben. Aber anders als andere Völker“. Weiter heißt es:

 

„Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie  auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach drängt – sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine Großmutter . . .“

 

„Der spleenige Brite, seines Weibes überdrüssig, legt ihr vielleicht einst den Strick um den Hals und bringt sie zum Verkauf nach Smithfield. Der flatterhafte Franzose wird seiner geliebten Braut vielleicht treulos und verlässt sie und tänzelt singend nach den Hofdamen seines königlichen Palastes. Der Deutsche wird aber seine alte Großmutter nie ganz vor die Türe stoßen, er wird ihr immer ein Plätzchen am Herde gönnen, wo sie den horchenden Kindern ihre Märchen erzählen kann . . .“

 

Kehren wir zurück an den Ausgangspunkt. Was den Verfasser diese Zeilen betrifft, nimmt er sich – und vielleicht sollten das alle Angehörigen der schreibenden Zunft tun –  Heinrich Heine zum Vorbild, der 1832 in seinem Traktat „Französische Zustände“ bekannte: „Nicht den Werkstätten der Parteien will ich ihren banalen Maßstab entborgen, um Menschen und Dinge damit zu messen, noch viel weniger will ich Wert und Größe derselben nach träumenden Privatgefühlen bestimmen, sondern ich will soviel als möglich parteilos das Verständnis der Gegenwart befördern und den Schlüssel der lärmenden Tagesrätsel zunächst in der Vergangenheit suchen. Die Salons lügen, die Gräber sind wahr. Einseitigen Irrtümern kann man nicht entgehen, wenn man der einen oder der anderen Partei nahe steht; jede täuscht uns, ohne es zu wollen . . . Sind wir selber vielleicht so indifferenter Natur, dass wir, ohne sonderliche Vorneigung, mit allen Parteien beständig verkehren, so verwirrt uns die süffisante Sicherheit, die wir bei jeder Partei erblicken, und unser Urteil wird aufs unerquicklichste neutralisiert . . .“

 

(Weltexpresso, 31. 12. 2017)

 

 

 

 

 

IT: Enerchain – Energiegroßhandel auf der Blockchain

Noch steht die Nutzung der Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft am Anfang, doch zeigen Pilotprojekte wie Enerchain, wo die Reise hingehen kann.
Geht es um neue Strategien und Geschäftsmodelle bei der Digitalisierung der Energiewirtschaft und der Energiewende, spielt das Thema „Blockchain“ eine wichtige Rolle. Erlaubt doch die Kombination von Daten über Transaktionen zu „Blöcken“ und deren dezentrale Speicherung in verschlüsselter Form direkte Geschäfte ohne Zwischeninstanzen wie etwa der Strombörse, oder auch die Vereinfachung und effizientere Durchführung von traditionellen Geschäftsprozessen. Konkrete Beispiele dazu wurden auf der vom Forum Solarpraxis/Neue Energiewelt veranstalteten Konferenz „Digitale Energiewelt“ bei Vattenfall in Berlin vorgestellt.

Das Projekt Enerchain, das der IT-Spezialist Ponton initiiert hat, widmet sich der Nutzung von Blockchain für OTC-Handelsprozesse. „Wir sehen Blockchain als eine der Schlüsseltechnologien, um den Wandel zu einer dezentralen und erneuerbaren Energiewelt zu bewältigen. Der Großhandel von Strom und Gas bietet einen klaren Anwendungsfall, um konkrete, praktische Erfahrungen mit dieser Technologie zu sammeln“, sagt Kilian Leykam, Manager Business Development Trading bei der Vattenfall Trading GmbH. „Derzeit liegt dabei der Fokus auf der Ausführung des Deals“, erläutert er.

Erprobt wird (virtuell) ein rein bilateraler Handel ohne einen zentralen Marktplatzbetreiber, bei dem die Partner ihre Kauf- und Verkaufsangebote in Orderbücher einstellen und ihre Orders abgeben können. Die Software liegt dezentral auf den Rechnern der Teilnehmer. Im Gegensatz zum Börsenhandel erfolgt kein automatisches Matching und es gibt keine Finanzderivate.

Kostensenkungspotenziale und Sicherheit werden erprobt

Seit Mai und noch bis Ende dieses Jahres erfolgt dazu eine sogenannte Proof-of-Concept-Phase mit 32 Teilnehmern. Ziel sei, so Ponton-Experte Rex Kempcke, Erkenntnisse über Geschwindigkeit und Sicherheit wie auch das Handelsvolumen und die Fairness beim Handel über die Blockchain zu gewinnen. Ferner geht es um das Kostensenkungspotenzial von externen Transaktionskosten gegenüber dem konventionellen Handel (etwa durch die Einsparung von Broker-Kosten) sowie um Fragen von Regulierung und Governance.

Anschließend soll es dann eine Live-Trade-Phase geben, um den Einsatz in Nischenmärkten vorzubereiten. Zudem könne es weitere Plattformen „für Use Cases entlang des OTC-Handelsprozesses“ geben, so Kempcke. Für einen wirklichen Praxiseinsatz, da macht sich Vattenfall-Manager Leykam keine Illusionen, müssten weitere am Handel beteiligte Akteure mit ins Boot geholt werden, wie die europäische Regulierungsbehörde Acer, die Finanzaufsichtsbehörde Bafin oder die TSOs. Und, so weiß er, das „wird schwierig“. Dennoch sieht er Enerchain „als ersten Schritt für weitere Blockchain-Projekte in anderen Geschäftsfeldern von Vattenfall“.

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Die Ihr rieft, die Geister…

Die ihr rieft, die Geister . . .

 

Antisemitische Straftaten wieder gestiegen

 

Kurt Nelhiebel

 

Bremen (Weltexpresso) – Die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2017 zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder gestiegen, und zwar auf 681. Es vergeht also kein Tag, an dem nicht mindestens drei solcher Straftaten begangen werden. Und das zur selben Zeit, da erstmals aus den Reihen einer Bundestagspartei ungeniert nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit gerufen wird. Ist dieses Land wirklich reif für eine Führungsrolle in der Welt? Was verbirgt sich hinter dem schönen Schein wirtschaftlicher Erfolge?

 

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bremen, Elvira Noa, sagte im Gespräch mit der Tageszeitung „Weser-Kurier“ vom 2. Dezember:  „Auf den Schulhöfen ist ‚Jude’ längst zum Schimpfwort geworden. Kinder werden angefeindet, beschimpft und kommen weinend nach Hause. Die Eltern sind besorgt. Manche Lehrer lassen aus Angst vor Diskussionen das Judentum im Religionsunterricht einfach aus.“ Auf die Frage, ob Antisemitismus in Deutschland wieder hoffähig geworden sei, antwortete sie: „Auf  jeden Fall. Viele haben keine Scheu mehr, die deutsche Vergangenheit ganz offen als Last abzutun.“

 

Haben die politisch Verantwortlichen mit ihrem notorisch guten Gewissen in Sachen Vergangenheitsbewältigung etwas nicht mitbekommen? Oder wie sonst soll man sich ihr Schweigen zu den alarmierenden Zahlen erklären?  Anscheinend haben sie sich damit abgefunden, dass ein Fünftel der Deutschen anfällig ist für rassistische Ideen und nationalistischen Größenwahn? Was Elvira Noa über die Zustände an Schulen berichtet ist  nicht neu, sie beschreibt einen Dauerzustand. 1988 machten in Berlin  Meldungen über zunehmenden Antisemitismus an den Schulen die Runde. Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, warnte in einer Sondersitzung  des Schulausschusses im Abgeordnetenhaus eindringlich davor, die antijüdischen und ausländerfeindlichen Vorkommnisse weiterhin zu vertuschen.  Geändert hat sich nichts.

 

Bereits 1982 hatten Wissenschaftler der  Freien Universität in einem Bericht über die Verhältnisse an den Schulen Westberlins festgestellt, dass rechtsextremistische Schmierereien und antisemitische Redensarten fast überall an der Tagesordnung seien. Als eine der Ursachen nannten sie mangelndes antifaschistisches Bewusstsein. Sie beklagten, dass die Behörden die Untersuchung der Missstände nur wenig unterstützt und teilweise sogar behindert hätten. Die Schulbehörde appellierte an die Lehrer, nicht wegzusehen, wenn sie solche Vorfälle beobachteten, und die verantwortlicher Politiker zeigten sich wieder einmal äußerst beunruhigt.

 

Und heute? Was antifaschistisches Bewusstsein heißt, wissen nicht einmal alle Erwachsenen, geschweige denn die Kinder.  Berliner Zustände herrschten auch anderswo. Die Landesschülervertretung von Nordrhein-Westfalen wusste 1989 zu berichten, dass an 60 Prozent der Schulen des Landes rechtsradikales Informationsmaterial verteilt werde. Vielerorts gebe es ausländerfeindliche Schmierereien und tätliche Angriffe auf ausländische Schüler. Wieder meldete sich Heinz Galinski zu Wort und beanstandete, dass nirgendwo entsprechende Maßnahmen gegen das rechtsextremistische Treiben unternommen würden. Dabei kämen rechtsextremistische Jungwähler mittlerweile auch aus „gut situierten Familien“.

 

Bei einer Meinungserhebung bejahte 1992 nur jeder Dritte die Frage, ob das deutsche Volk eine besondere Verantwortung gegenüber den Juden habe. 42 Prozent verneinten sie. Bei einer anderen Umfrage sprachen sich 1994 mehr als die Hälfte der befragten Deutschen dafür aus, einen Schlussstrich unter die Nazivergangenheit zu ziehen. Als Ende der 1970er Jahre die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ Furore machte, erklärte der CSU-Vorsitzende Strauß, es werde „mit propagandistischen Mitteln eine Hysterie gegen einen angeblichen Rechtsradikalismus betrieben, der jedoch an Umfang und Heftigkeit mit dem Linksradikalismus überhaupt nicht zu vergleichen sei“.

 

Schnee von gestern? Von wegen. Kurz nach Bekanntwerden der neuen Zahlen über die Zunahme rechtsextremistischer antisemitischer Straftaten in Deutschland wurde die Öffentlichkeit mit Meldungen über polizeiliche Durchsuchungen im linksextremistischen Milieu zugeschüttet. Gab es einen aktuellen Anlass? Nein, es war angebliche Nacharbeit zur Aufklärung der Zusammenstöße während des G-20-Gipfels in Hamburg.

 

(Weltexpresso, 7. 12. 2007)

 

 

Jamaika oder der Balken im eigenen Auge

softatelegraph

Conrad Taler

 

Während diese Zeilen geschrieben werden, steht der Ausgang des Jamaika-Debakels noch in den Sternen. Kaffeesatzleser haben Hochkonjunktur und die Suche nach Schuldigen findet kein Ende. Recht unchristlich führen manche sich auf, als wüssten sie nicht, was in der Bergpredigt steht: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht.“ (Matthäus 7,3). Es grenze an Verlogenheit, wie CDU, CSU und die Grünen die Schuld bei der FDP abzuladen versuchten, ärgerte sich die Süddeutsche Zeitung. Zu keinem Zeitpunkt sei Jamaika an einem Punkt angelangt gewesen, an dem die Beteiligten behaupten konnten, sie hätten in den Kernfragen wie Migration oder Klimaschutz den Zwist wirklich ausgeräumt.

Am Schluss gab es nach Darstellung der Freien Demokraten noch 237 offene Konfliktpunkte. Als „Psychoterror ohne Ende“ bezeichnete der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habek den Umgang mit den Unterhändlern der FDP. Ganz anders dagegen Jürgen Trittin…

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