Armes Echo

Zur Fernsehdiskussion von Angela Merkel und Martin Schulz

 

Beck Messer

 

Dingsda (Weltexpresso) – Am Tag nach der Fernsehdiskussion zwischen Angela Merkel und Martin Schulz war in der „Berliner Zeitung“ vom 4. September 2017 zu lesen: „Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Herausforderer Martin Schulz ist in der Berliner Landespolitik auf ein geteiltes Echo gestoßen.“  Darauf ein dreifaches Ach und Weh! Arme deutsche Sprache, was machen sie da wieder mit dir“. Arme deutsche Leser, was müsst ihr euch wieder gefallen lassen! Arme deutsche Journalisten, wie groß muss der Hohlraum in euren Köpfen sein, dass ihr nicht merkt, welchen Unsinn ihr da verzapft.

 

Lassen wir mal beiseite, dass sich Angela Merkel und Martin Schulz ja nicht duelliert haben; denn dabei bleibt in der Regel einer tot auf dem Boden liegen. Wie muss man sich das vorstellen, wenn ein Duell auf ein Echo stößt, noch dazu auf ein geteiltes. Irgendwie handelt es sich da doch dabei um einen physikalischen Vorgang. Während einer Bootsfahrt auf dem Königssee habe ich vor Jahren erlebt, was es mit dem Echo auf sich hat. Ein Trompeter blies eine Melodie, deren Töne auf eine vor uns liegende Bergwand prallten. Von dort wurden sie  zurückgeworfen und erreichten uns nach wenigern Sekunden zum zweiten Mal. Was wir dann hörten war das Echo der Melodie, die der Trompeter gespielt hat.

 

Wie verhält es sich nun mit dem Duell, das für sich genommen ja gar keine Töne erzeugt. Das machen nur die beiden „Duellanten“. Selbst wenn man unterstellt, dass die Äußerungen von Angela Merkel und Martin Schulz gemeint sind, so können auch sie nicht auf ein Echo stoßen, noch dazu auf ein geteiltes, denn das müsste dann von unbeteiligten Dritten hervorgerufen worden sein, die aber in unserem Fall nirgendwo zu sehen ist. Folglich  können die Diskutanten allenfalls ein Echo hervorrufen haben, nicht aber auf eines gestoßen sein.

 

Der eingangs zitierte Satz könnte demnach lauten: Das Echo auf die Fernsehdiskussion von Angela Merkel und Martin Schulz ist unterschiedlich ausgefallen. Oder auch: Beliebige Diskussion bewirkt beliebiges Echo. Aber das wäre schon wieder ein anderes Thema..

 

(4.9.2017)

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Wer nie ein Kind verlor

Gedanken zum diesjährigen Antikriegstag

 

Kurt Nelhiebel

 

Bremen (Weltexpresso) – Wer nie ein Kind verlor weiß nicht, was leiden  heißt. „Der Tod eines Kindes“, schreibt Sándor Márai in seinem Roman „Wandlungen einer Ehe“, „das ist der einzige echte Schmerz. Jeder andere Schmerz ist nur eine Annäherung.“  Ist das ein angemessener Einstieg  in einen Artikel zum Antikriegstag, der bei uns in Deutschland an jedem 1. September begangen  wird, angestoßen vom Deutschen Gewerkschaftsbund im Jahr 1966?  Das Datum erinnert an den Beginn des Zweiten Weltkriegskriegs, der wie jeder Krieg mit einer Lüge begann. „Seit 5 Uhr 45 wird zurück geschossenn“ behauptete Hitler am 1. September 1939 vor dem Deutschen Reichstag. Den Vorwand lieferte ihm ein von deutscher Seite inszenierter polnischer Überfall auf den Sender Gleichwitz. Mit dem Angriff auf Polen begann der Zweite Weltkrieg, in dessen Verlauf Millionen Menschen getötet wurden. Mit jedem Soldaten, der im Kriege starb, verlor eine Mutter, verlor ein Vater seinen Sohn. Und sie durften ihren Schmerz nicht einmal zeigen. Trauerkleidung war verboten, sie hätte den Siegeswillen beschädigen können. „In stolzer Trauer“ wurde der Toten gedacht.

 

Wer nie ein Kind verlor, was nicht was leiden heißt. Eigentlich müssten eines Tages alle Mütter und alle Väter, die ein Kind durch Krankheit oder einen Unfall verloren, am 1. September auf die Straße gehen, um den Herren und Frauen über Leben und Tod ins Bewusstsein zu rufen, was es heißt, ein Kind zu verlieren. Vielleicht würden denen, wie John F. Kennedy formulierte, die Worte zu Asche im Mund, mit denen sie immer wieder zu rechtfertigen versuchen, dass Mütter und Väter bereit sein müssten, ihre Söhne und Töchter herzugeben – eines höheren Zweckes wegen. Seit 1992 sind bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr nach Angeben des Verteidigungsministeriums  108 Soldatinnen und Soldaten ums Leben gekommen. Wofür sind sie eigentlich gestorben? Wie viele Menschen insgesamt in den Ländern der Auslandseinsätze im Rahmen der Kampfhandlungen beziehungsweise kriegerischen Auseinandersetzungen während der Einsätze ums Leben kamen, ist der Bundesregierung nach ihrer Darstellung nicht bekannt.

 

Nicht immer lag den Auslandseinsätzen der Bundeswehr ein Mandat des UN-Sicherheitsrates zu Grunde, aber nur in diesem Fall sind sie vom Völkerrecht gedeckt. Auch da liegt es im freien Ermessen der Bundesregierung, ob sie Streitkräfte für einen solchen Einsatz zur Verfügung stellt oder nicht. Sie könnte mir gutem Recht sagen, mit Blick auf die deutsche Vergangenheit wolle sie sich tunlichst zurückhalten. Dem Ansehen der Schweiz und ihrer wirtschaftlichen Prosperität hat es nicht geschadet, dass sie nicht immer gleich Hurra schrie, wenn es um die Beteiligung an Kriegen ging. Ohnedies rufen die Anderen nicht aus moralischen sondern eher aus fiskalischen Gründen bei militärischen Einsätzen nach deutschen Soldaten; ihre Entsendung mindert die eigenen Kosten. Einer der deutschen Politikern die Hölle besonders heißt macht, heißt Donald Trump.

 

Gottlob waren nicht alle waren so gestrickt wie dieser Präsident. John F- Kennedy zum Beispiel hinterließ der Nachwelt diese Sätze: „Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu Essen bekommen, an denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“  Die Auslandseinsätze der Bundeswehr haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums seit 1992 knapp 21 Milliarden Euro gekostet. Wie viele Schulen und wie viele Kindertagesstätten hätten dafür saniert oder neu gebaut und wie viele Lehrer hätten zusätzlich eingestellt werden können?  Vielleicht fragt das jemand auf den Veranstaltungen zum diesjährigen Antikriegstag, und vielleicht fragt auch jemand danach, was es heißt, ein Kind zu verlieren.

 

Aus „Weltexpresso“, 31. 8. 2017

 

 

 

DIE VERHARMLOSER

 

Antifaschismus im Nachkriegsdeutschland

Von Conrad Taler

Kurt NelhiebelP1050269 (2).jpg

Vorbemerkung der Redaktion

 

Kaum ein anderes Wort stößt auf so viel Unkenntnis und löst so viel affektbeladene Reaktionen aus wie das Wort Antifaschismus. Die einen halten es für eine kommunistische Metapher zur Verschleierung parteipolitischer Ziel, die anderen für einen antiquierten Begriff, der zur Beschreibung gegenwärtiger Zustände nicht mehr taugt. Wohlmeinende im autonomen linken Milieu hantieren mit dem Wort wie mit einer leeren Bierflasche, die sie Polizisten bei  Demonstrationen an den Kopf  werfen. Nur noch wenige sehen im Antifaschismus eine geistige und politische Haltung, die Menschen ganz verschiedener Herkunft einst im Kampf gegen den Faschismus vereint hat. Die geschundenen Widersacher deutschen Eroberungs- und Vernichtungswahns waren das einzige moralische Guthaben der geschlagenen Deutschen, als die Welt 1945 voller Abscheu auf sie herab sah. Wie dieses Erbe vertan wurde hat Conrad Taler hautnah miterlebt. Er erzählt davon in seinen kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen, aus denen wir mit Genehmigung des Autors einige Kapitel abdrucken.  (Conrad Taler, Gegen den Wind, PapyRossa Verlag Köln 2017).)

 

*

 

Die Schöpfer des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland handelten nach ihrem Selbstverständnis im Geiste des „anderen Deutschlands“, das sich im Widerstand gegen das Hitler-Regime manifestierte. Namhafte Juristen legten Wert auf die Feststellung, dass im Artikel 139 des Grundgesetzes der Rechtssatz der Ächtung des Nazismus in allen seinen Varianten normiert sei. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Frankfurt am Main, Dr. Heinz Düx, erinnerte Anfang der achtziger Jahre daran, dass die Bundesrepublik auch durch Beschlüsse der Vereinten Nationen zu einer anti-faschistischen Grundhaltung verpflichtet sei. Er bezog sich dabei auf die UNO-Resolution 200, die von der 35. Vollversammlung der Weltorganisation am 15. Dezember 1980 ohne Gegenstimmen bei 18 Enthaltungen verabschiedet worden ist. Die Entschließung rufe allen ins Bewusstsein, „dass die Vereinten Nationen aus dem Kampf gegen Nazismus, Faschismus, Aggression und ausländische Besetzung hervorgegangen“ seien. Im Vorfeld der Beratungen über das Bekenntnis der UNO zum Antifaschismus wollte die damals oppositionelle CDU von der Bundesregierung in Bonn wissen, ob sie „den auf die Interpretation von Artikel 139 als Fundamentalnorm des gesamten Grundgesetzes gestützten Vorstellungen vom antifaschistischen Charakter des Grundgesetzes“ zustimme. Die Antwort der Regierung bestand aus einem einzigen Wort: Nein. Ungehört verhallte die Forderung des Deutschen Bundesjugendringes, alle rechtlichen Möglichkeiten nach Artikel 139 auszuschöpfen, um faschistische und neonazistische Organisationen aufzulösen und deren Propaganda zu verbieten. Unwidersprochen konnte Heinz Düx 1980 erklären: „In unserem Lande ist eine echte innere Abkehr vom Faschismus trotz entsprechender Inhalte des Grundgesetzes (Art. 139) nie vollzogen worden.“

 

Begonnen hat die Distanzierung vom Antifaschismus schon viel früher, gleich zu Beginn des Kalten Krieges. Er verhalf den politischen Scharfmachern auf beiden Seiten zu verhängnisvollem Einfluss. Seine Auswirkungen beschrieb Thomas Mann 1950 in einem Vortrag an der Universität Chicago: „Was den Kommunismus betrifft, der mir fremd ist, der aber tiefe Wurzeln hat im russischen Menschentum, so war es erst gestern, dass die westliche Demokratie, um ihr Leben zu wahren, mit dem russischen Kommunismus zusammenstand im Krieg gegen den Nazifaschismus. Heute glaubt man an die Notwendigkeit, die letzten Erinnerungen an dieses Gestern als hochverräterisch auszutreten.“ Den Kalten Krieg nannte Thomas Mann einen chronischen Konflikt, der die Völker niederhalte. Er „hält sie gebunden in Hass und Furcht, zwingt sie, ihre besten Kräfte im Dienst von Hass und Furcht zu vergeuden, hält alles auf, alles zurück, hindert jeden Fortschritt, bringt die Menschen intellektuell herunter, lähmt in großen Nationen das Rechtsgefühl, beraubt sie des Verstandes und macht sie durch Narreteien, zu denen Verfolgungswahn und Verfolgungssucht sie verleiten, voreinander lächerlich. Das Bild des heißen Krieges malt niemand sich aus. Dasjenige des chronischen kalten haben wir vor Augen und sehen, dass er zerstört, was er bewahren will: die Demokratie.“ (Aus: „Über mich selbst“, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1994, S. 23)

 

Thomas Mann hielt diese Rede wenige Monate, nachdem der amerikanische Senator Joe McCarthy mit seiner Behauptung, das Außenministerium in Washington sei voll von Kommunisten, eine bis dahin unvorstellbare Hysterie hervorgerufen hatte. In seinem Buch „McCarthy – oder die Technik des Rufmordes“ (Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh 1959) nennt Richard H. Rovere den „McCarthysmus“ „gleichbedeutend mit grundloser Ehrabschneiderei aus blindwütigem Hass, mit Dreckschleuderei“. In der Bundesrepublik Deutschland fand der amerikanische Kommunistenjäger eifrige Nachahmer. Innerhalb weniger Jahre wurden rund 125.000 Personen mit Ermittlungsverfahren überzogen. Die Zahl der abgeschlossenen politischen Strafverfahren belief sich nach Angaben von Diether Posser („Anwalt im Kalten Krieg“, Bertelsmann, München 1991) bis 1956 bereits auf 3.700. Unter den Betroffenen waren viele Widerstandskämpfer und Verfolgte des Naziregimes aus den Reihen der Kommunistischen Partei, denen Gesinnungstreue abermals zum Verhängnis wurde.

 

Zur selben Zeit, da ehemals führende Nazis bis hin zum Ankläger im Prozess gegen die Männer des 20. Juli, Oberreichsanwalt Lautz, mühelos ihre Pensionsansprüche durchsetzten, wurden hunderten Opfern der NS-Herrschaft die Ansprüche nach dem Bundesentschädigungsgesetz aberkannt. 1959 beantragte die Bundesregierung sogar das Verbot der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die sie für eine kommunistische Tarnorganisation hielt. Das Bundesverwaltungsgericht widersetzte sich allerdings dem Ansinnen der Regierung mit dem Hinweis, es müsse geprüft werden, ob ein Verbot mit der verfassungsmäßigen Ordnung zu vereinbaren sei. Der dieser Ordnung zugrunde liegende Sühnegedanke, dessen Verwirklichung zu den vornehmsten Aufgaben der Bundesrepublik gehöre, verlange eine Abwägung, ob gegen eine Organisation von Verfolgten ein Verbot mit der damit verbundenen Strafsanktion erlassen werden dürfe. Das Gericht setzte das Verfahren auf unbestimmte Zeit aus und lehnte die Festsetzung eines neuen Verhandlungstermins trotz des Drängens der Bundesregierung ab. Das Verfahren endete nach fünf Jahren ohne formellen Beschluss mit dem Inkrafttreten eines neuen Vereinsgesetzes.

 

Acht Jahre nach diesem denkwürdigen Vorgang entschied der  Bundesgerichtshof: „Ein gegen eine bestehende Unrechtsherrschaft geleisteter Widerstand kann nur dann als rechtmäßig und demgemäß eine diesen Widerstand ahndende staatliche Maßnahme nur dann als Unrecht im Rechtssinne angesehen werden, wenn die Widerstandshandlung nach ihren Beweggründen, Zielsetzungen und Erfolgsaussichten als ein ernsthafter und sinnvoller Versuch gewertet werden kann, den bestehenden Unrechtszustand zu beseitigen und in Bezug auf dessen Übel eine allgemeine Wende zum Besseren herbeizuführen.“ (BGH-Urteil vom 14. Juli 1961 — IV ZR 71/61). Mit dieser Entscheidung wies der Bundesgerichtshof die Entschädigungsansprüche eines Mannes zurück, der sich 1939 lieber hatte einsperren lassen, als einer Einberufung zur Wehrmacht zu folgen. Ein Kriegsgericht bezeichnete ihn im Herbst 1939 als „roten Lumpen“ und verurteilte ihn wegen Kriegsdienstverweigerung (Zersetzung der Wehrkraft) zu dreieinhalb Jahren Festungshaft. Der Bundesgerichtshof erklärte, die Handlungsweise des Mannes sei nicht geeignet gewesen, der NS-Gewaltherrschaft in nennenswertem Ausmaß Abbruch zu tun. Auch dass er die Gewaltherrschaft durch einen aus Überzeugung geleisteten Widerstand bekämpft habe, rechtfertige keinen Entschädigungsanspruch. Zwar könne es nicht vom tatsächlichen, unmittelbaren Erfolg oder Misserfolg einer Widerstandshandlung abhängen, ob ihr der Charakter der Rechtmäßigkeit zukomme, aber sie müsse in jedem Fall als ein ernsthafter Versuch zur Beseitigung des Unrechtszustandes gewertet werden können. Von dieser Art sei der Widerstand der Männer des 20. Juli 1944 gewesen. Im vorliegenden Fall habe es sich um eine Einzelaktion gehandelt, die an den bestehenden Verhältnissen nichts zu ändern vermocht habe. „Nach allem kann der Kläger nicht als Verfolgter angesehen werden.“ Nach dieser Logik hätten zum Beispiel auch die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ kein Anrecht auf Entschädigung; ihre Flugblätter haben an den bestehenden Verhältnissen gleichfalls nichts geändert.

 

„Brüder im Ungeist“

 

Auf einer Gedenkveranstaltung zum 20. Todestag der Geschwister Scholl in Rom übte der Direktor des Historischen Instituts in der Toscana, Professor Francovich, Kritik an der Diskriminierung kommunistischer Widerstandskämpfer in der Bundesrepublik. Es sei bedauerlich, dass man in Westdeutschland die Widerstandsbewegung gegen Hitler nicht als einheitliches Ganzes betrachte, sondern die kommunistischen Opfer zu diskriminieren versuche. Für den von den Nazis aus rassischen Gründen verfolgten Publizisten Ralph Giordano war es ein Zeichen für die Unwahrhaftigkeit, mit der das Thema Widerstand in der Bundesrepublik behandelt werde, dass ein „gewisser Widerstand“ nie gesellschaftsfähig geworden sei und von der konservativen Rechten bis hin zur Sozialdemokratie schlicht unterschlagen werde, nämlich der Widerstand links von der SPD. „Die Aussparung wird begründet mit dem Argument, die Kommunisten wollten selbst eine Diktatur errichten. Ja, gewiss – und die haben sie dann auch dank der Tatsache, dass der Überfall auf die Sowjetunion diese ins Herz Europas hineinprovoziert hat, in einem Teil Deutschlands etabliert. Und deshalb dürfen historische Tatsachen, wie der Widerstand deutscher Kommunisten, minimalisiert oder gar völlig geleugnet werden? Wie ungefestigt, wie schwach muss eine Gesellschaft sein, die sich solchem Opportunismus verschreibt? Aber dahinter lauert noch etwas anderes, nämlich die verbreitete These, dass Hitler ‘in diesem Punkt’, in seinem Antikommunismus, ‘jedenfalls recht gehabt hat’. Wir sehen, mit wem wir es zu tun haben: mit dem nichtdemokratisch, nichthumanitär motivierten, mit dem aus der Nazizeit überkommenen Antikommunismus, der in der Bundesrepublik immer noch, und das bis in die höchsten Ränge, exemplarisch ist und der sich im Streit mit seinen stalinistischen und nachstalinistischen Kontrahenten nur noch einmal ausweist als das Kampfgetue zwischen Brüdern im Ungeist totalitärer Rivalitäten.“ (R. Giordano, „Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein“, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München 1990, S. 70 f.).

 

Im Deutschlandvertrag von 1952 hat sich die Bundesrepublik gegenüber den Westmächten verpflichtet, den Verfolgten des Naziregimes zumindest jene Rechtsstellung zu garantieren, die das US-Entschädigungsgesetz vorsah, und zwar „ohne Diskriminierung irgendwelcher Gruppen oder Klassen verfolgter Personen“. Gegen diese Verpflichtung verstieß die Bundesrepublik nicht nur mit dem Ausschluss von Kommunisten von Entschädigungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz, sondern auch mit ihrem Verhalten gegenüber Opfern des NS-Regimes nach der Wiedervereinigung. Mit dem Gesetz vom 22. April 1992 über die Entschädigung solcher Opfer in den neuen Bundesländern werden Leistungen ebenfalls vom Verhalten der Anspruchsberechtigten nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus abhängig gemacht und damit in Prämien für politisches Wohl verhalten in der Gegenwart umgewandelt.

 

Aber manch einem genügte es nicht, Opfer nationalsozialistischer Verfolgung mit dem Entzug von materiellen Leistungen dafür zu bestrafen, dass sie ihre Weltanschauung nicht preisgeben wollten,  sie sollten auch in ihrer moralischen Existenz getroffen werden. Franz Josef Strauß erklärte: „Wer als Antifaschist gelten will, der muss Anti- Totalitarist sein, der muss gegen alle totalitären Systeme sein.“ (Frankfurter Rundschau, 14. Januar 1987).  Der „Antifaschismus“ sei eine Wortschöpfung der Kommunisten, die sich zu Tarnzwecken schon in den 30er Jahren dieses Firmenschild zugelegt hätten,  schrieb die rechtsradikale „Deutsche Wochenzeitung“ am 5. Oktober 1979.  Ähnlich äußerte sich der stellvertretende CSU-Vorsitzende Friedrich Zimmermann im „Bayern-Kurier“ vom 6. Oktober 1979: „‘Antifaschismus’ ist … eine Vokabel zur Verschleierung der Gründe, aus denen die Kommunisten … gegen Hitler waren und kämpften … Sie dient zur Verschleierung der Ziele des Kommunismus und überdies als Brücke einer verlogenen Gemeinsamkeit, auf die vor allem die Sozialdemokratie gelockt werden soll.“  Hingegen meinte der nordrhein-westfälische Kultusminister Jürgen Girgensohn (SPD), ehemals Angehöriger der Waffen-SS: „Ich unterscheide sehr wohl, wer im Zweiten Weltkrieg die anderen Völker überfallen und die Juden vergast hat – das waren die Rechtsradikalen und nicht die Kommunisten. Die saßen in

Konzentrationslagern.“ Als es Ende der 1980er Jahre in Berlin zu einem Konflikt wegen einer katholischen Ausstellung über den Widerstand gegen Hitler kam, wandte sich die damalige Bürgermeisterin und Schulsenatorin Hanna-Renate Laurin (CDU) dagegen, den kommunistischen Widerstand wegzulassen. In einem Brief schrieb sie: „Ich kann Ihre Auffassung nicht teilen, den kommunistischen Widerstand von anderem, so genanntem freiheitlichen Widerstand wertend zu unterscheiden. Wer gegen Hitler aufstand, tat dies im Namen der Menschlichkeit.“ (AP, 11. Juli 1988).

 

Denkwürdige intellektuelle Allianzen

 

Dass der Neonazismus immer noch und schlimmer denn je sein Unwesen treibt, wird man schwerlich den Antifaschisten anlasten können. Dafür haben andere geradezustehen, auch jene, die dem Antifaschismus einen Platz in der Gesellschaft verwehren möchten und dabei fragwürdige intellektuelle Allianzen nicht scheuen. Angefangen vom ehemaligen SS-Untersturmführer Erich Kernmayer über Franz Josef Strauß bis hin zur Politikwissenschaftlerin und ehemaligen Adorno- Schülerin Antonia Grunenberg spannt sich der Bogen derer, die im Antifaschismus nicht den Reflex auf die Bedrohung der Welt durch den Faschismus sehen, sondern das Phantasieprodukt antideutscher kommunistischer Weltverschwörer. Für Erich Kernmayer, unter dem Schriftstellernamen Erich Kern Verfasser rechtsradikaler Bücher und zeitweiliger Bundespressereferent der Waffen-SS-Hilfsorganisation HIAG, hatten Hitlergegner seit ihrer Emigrationszeit „ein innerlich gestörtes Verhältnis zum deutschen Volk, das ja in seiner erdrückenden Masse weder emigriert ist noch sich in einem Widerstand befand“ (Erich Kern, „SPD ohne Maske“, National-Verlag, Hannover 1971, S. 42). Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Strauß erklärte: „Diese Volksfront- und Antifa-Mythologie birgt die Gefahr der Selbstzerstörung eines normalen Geschichtsbildes.“ (Frankfurter Rundschau, 14. Januar 1987). Bei Antonia Grunenberg heißt es: „Der Antifaschist war innerlich zerrissen … Der Antifaschist war im Grunde ein unpolitischer Mensch … er war heimatlos, nicht nur weil man ihm die Heimat genommen hatte, sondern weil er die demokratische Republik zugrunde gerichtet hatte, das sozialistische Reich der Zukunft nicht hatte aufbauen können und schließlich Opfer und Täter im Stalinismus wurde.“ („Antifaschismus – ein deutscher Mythos“, Rowohlt Taschenbuchverlag 1993).

 

Für Antonia Grunenberg sind Antifaschismus und Kommunismus beliebig austauschbar. Sie argumentiert damit  im Grunde wie einst die SED, die sich für die Inkarnation des Antifaschismus hielt. Kühn behauptet die Politikwissenschaftlerin in Anspielung auf die Prozesse gegen Stalins Widersacher Bucharin, Sinowjew, Radek und Kamenew, ihre Ermordung sei „auch im Namen der anti-faschistischen Moral“ erfolgt (S. 68). Stalins antijüdische Affekte sind ihrer Ansicht nach Ausdruck eines „antifaschistischen Antisemitismus“ (S. 190). Wer wie Antonia Grunenberg meint, sein Publikum mit der banalen Botschaft beeindrucken zu können, für die Kommunisten sei „die Niederlage des nationalsozialistischen Terrorsystems ein Sieg“ gewesen, der übersieht, dass „alle Hoffnung der Menschheit auf der Niederlage Hitlers beruhen musste“, wie Thomas Mann sich 1941 ausdrückte. Für ihn war das Wort antifaschistisch noch fünf Jahre nach Kriegsende eine geläufige Metapher zur Kennzeichnung einer konsequent demokratischen Einstellung. Als der Kalte Krieg weltweit Unheil zu stiften begann, warnte er sein Gastland USA vor der Versuchung, „den Faschismus als Waffenbruder zu akzeptieren. Alles wäre besser, wenn Amerika ernsthaft antifaschistisch wäre.“ (Aus: „Frage und Antwort“, Albrecht Knaus Verlag, Hamburg 1983, S. 317). Erika und Klaus Mann verstanden unter Antifaschismus die Zusammenarbeit „aller edleren Elemente des deutschen Geistes, … die sich einig sind in ihrer unbedingten, leidenschaftlichen Ablehnung des Naziungeistes“.

 

Lange bevor in Deutschland Ausländer wieder um ihr Leben fürchten mussten, hatte sich 1981 in Paris ein internationaler Schriftsteller-Kongress mit der Renaissance von Ideologien und totalitären Haltungen beschäftigt, die sich der Geschichtsfälschung bedienten und Rassismus gegenüber ausländischen Arbeitern, Antisemitismus und Fremdenhass namentlich gegenüber politischen Flüchtlingen begünstigten. In einer Resolution erklärten die Teilnehmer: „Der Faschismus beginnt immer mit der Intoleranz und der Missachtung des anderen.“ Lenkt die Beschäftigung mit der Vergangenheit wirklich ab von den Problemen der Gegenwart, wie manche behaupten? Ist die Beschäftigung mit dem Faschismus nur die Sache von Leuten, die ein Feindbild brauchten, um „das Abgründige in sich selbst nicht ausloten zu müssen“, wie der Psychologe Arno Plack in seinem Buch „Die Gesellschaft und das Böse“ schreibt?  Die Mordanschläge auf Ausländer sind der grauenvolle Beweis, dass es der Fixierung auf ein eingebildetes Feindbild nicht bedarf, um eine Gänsehaut zu bekommen. Der Antifaschismus hat sich nicht überlebt. Nach allem, was sich seit der Wiedervereinigung in Deutschland zugetragen hat, kann nicht mehr zweifelhaft sein, was mehr zu schelten ist – die Unwilligkeit, sich mit dem Rechtsextremismus  auseinanderzusetzen, oder das – wie „Die Zeit“ 1984 formuliert hat – Bestreben vieler Antifaschisten, die Gefahr von rechts zu dämonisieren.

 

Conrad Taler, Gegen den Wind, PapyRossa Verlag Köln 2017, 20.- Euro

Die Kraft der Gewaltlosigkeit

 

Conrad Taler

 

In deutschen Gärten stehen dem Vernehmen nach etwa 25 Millionen Gartenzwerge. Obwohl sich das Ansehen der kleinen Kerle etwas gewandelt hat, gelten sie immer noch als Inbegriff deutscher Spießigkeit. Wie viel Leute in deutschen Amts- und Redaktionsstuben sitzen, deren Horizont in der Augenhöhe von Gartenzwergen verläuft, weiß niemand genau. Gemessen an den Reaktionen auf die Vorgänge um den G-20-Gipfel in Hamburg dürften es nicht Wenige sein. Allen voran der sozialdemokratische Innensenator Andy Grote, der das Geschehen in der Hansestadt mit dem Satz  kommentierte: „Das war ein bewaffneter Angriff auf unseren Staat.“

 

Als Jurist sollte Grote wissen, wovon er redet, auch wenn ihm das Herz gerade in die Hose gerutscht ist. Das Werfen von Brandflaschen in Richtung Polizei und das Wüten einer heterogenen  Szene gegen Unbeteiligte waren abscheulich und unentschuldbar. Daran gibt es nichts zu deuteln. Eine Waffe wurde bei keinem der Festgenommenen gefunden. Was ein bewaffneter Angriff auf unseren Staat ist und was dann zu geschehen hat, darüber wurde während der jahrelangen Debatte über die Notstandsgesetze heftig gestritten. Schließlich einigte man sich auf die Formulierung: „Die Feststellung, dass das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht, trifft der Bundestag mit Zustimmung des Bundesrates.“ (Art. 115a Grundgesetz). Diesen so genannten Verteidigungsfall hat es zum Glück niemals gegeben; er lag jetzt auch in Hamburg nicht vor. Der laut „Spiegel“ größte Polizeieinsatz in der bundesdeutschen Geschichte erweckte mit seinen 20 000 martialisch ausgerüsteten Polizisten allerdings zeitweise den Eindruck bürgerkriegskriegsähnlicher Verhältnisse. Vermutlich wäre kein Supermarkt demoliert und kein Auto in Flammen aufgegangen, hätte man die Autonomen allein, ohne Polizei, ohne Fotografen und ohne Gaffer durch leere Straßen laufen lassen. Wenn dann doch eine Scheibe zu Bruch gegangen wäre, hätte die Schuldfrage leicht geklärt werden können.

 

Als Herostrat in dem Glauben, sich damit unsterblich zu machen, den Tempel der Artemis in Brand steckte, durften anschließend weder sein Name noch die Tat selbst öffentlich genannt werden. Heute geht das nicht mehr. Für die Medien sind solche Vorkommnisse stets ein willkommener Anlass,  den Linken am Zeuge zu flicken. Der Linksradikalismus müsse endlich stärker bekämpft werden, schallt es aus allen Ecken. Einer der nicht im Verdacht steht, sich etwas vorwerfen zu müssen, der Sozialdemokrat und langjährige Erste Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, meinte, diese Debatte gehe an den eigentlichen Ursachen vorbei.  „Wir müssen uns gründlicher mit den tieferen Ursachen dieser inzwischen weltweiten Unkultur des gewalttätigen Protestes auseinandersetzen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ vom 21. Juli. Der Protestbewegung gehe es um die Folgen der Globalisierung. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau forderte die führenden Politiker der G-20-Staatengruppe und anderer Länder auf, die Ängste und Frustrationen der Bürger, die sich in Protesten gegen die Globalisierung und in Populismus entlüden, ernst zu nehmen. Nach den Worten der Soziologin Donatella della Porta versucht eine Law-and-order-Koalition aus Politkern und Medien, die Legitimation der allgemeinen Proteste durch vereinfachte Interpretationen der Vorfälle zu untergraben. (Süddeutsche Zeitung 18. Juli 2017). Naomi Klein, eine der Wortführerinnen der weltweiten Proteste, meinte im Gespräch mit dem „Spiegel“ (28/2017), eine ganze Generation junger Leute sei mit der Gewissheit aufgewachsen, dass sich der Kapitalismus in einer Dauerkrise befinde. Den legitimen Frust der Menschen nutze die Politische Rechte für ihre Zwecke. Als große Unterstützer der neoliberalen Agenda hätten die Parteien der Mitte ein Vakuum geschaffen, in das Donald Trump und andere nun vorgedrungen seien.

 

Es gehört zu den Binsenwahrheiten, dass Gewalt immer eine unvermeidliche historische Begleiterscheinung gesellschaftlicher Konflikte war. Im tagespolitischen Kampf, zumal kurz vor einer Wahl, wird das gern vergessen. Entscheidend sind für Angela Merkel und ihresgleichen anscheinend nicht die vielen zehntausend Menschen, die in Hamburg friedlich gegen die gewaltsame Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch die Mächtigen dieser Welt demonstrierten, sondern die „entfesselte Gewalt“ und die „ungehemmte Brutalität“ einer Minderheit. Man stelle sich vor, ein Hosenscheißer wie Andy Grote hätte als Innenminister der DDR das Sagen gehabt, als während der Montagsdemonstrationen Hunderttausende auf  die Straße gingen und „Wir sind das Volk!“ skandierten.

 

Dass sich Marxens These „Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift“, ausgerechnet an seinen deutschen Alumnen bewahrheitet hat, war eine Ironie der Geschichte und für die Betroffenen eine bittere Erfahrung.  Aber – nur weil sie stillhielten, blieb die friedliche Revolution friedlich und es konnte zusammenwachsen, was zusammen gehört. Andere hätten dafür den  Friedensnobelpreis bekommen. Diese Erfahrung sollten  nicht zuletzt jene bedenken, die da meinen, ohne Krach und Randale würde sich nichts bewegen. Übrigens – bis heute weiß kein Mensch, wie viel Autos in Hamburg demoliert oder angezündet wurden. In Frankreich steckten Randalierer nach Angaben des Innenministeriums  am jüngsten Nationalfeiertag  897 Autos in Brand; im Jahr davor waren es 855 und zwei Jahre davor sogar 951. Und niemand argwöhnte einen bewaffneten Angriff auf den Staat.

 

( August 2017).

 

Was wollten die Männer des 20. Juli?

 

 

Zum 15. Jahrestag des Attentats auf Hitler

 

Von Kurt Nelhiebel

 

Vorbemerkung: Der nachstehende Artikel erschien zum ersten Mal am 18. Juli 1959 in der Frankfurter Wochenzeitung der deutschen Widerstandsbewegung „Die Tat“. Unter seinem damaligen nom de guerre  Peter Nau beleuchtet der Verfasser darin die Ziele der Attentäter und ihre wenig beachteten Kontakte zum Widerstand aus den Reihen der Arbeiterschaft. 58 Jahre später hat er nichts von seiner Aussagekraft verloren. (Die Redaktion).

 

„Die Geschichte der Bestrebungen und Ereignisse, die sich zum 20. Juli des Jahres 1944 auf die unglücklichste Weise zusammenballten und entluden, ist eine weit verzweigte.“ Dieser Satz des katholischen Schriftstellers Reinhold Schneider aus seinem 1947 erschienenen „Gedenkwort zum 20. Juli“ lässt erkennen, dass es nicht leicht ist, alle Ursachen und Zusammenhänge der Geschehnisse um den 20. Juli zu erforschen und zu bewerten. Ein Pauschalurteil kann vollends nicht gefällt werden. Reinhold Schneider sagt über die Beteiligten an der Verschwörung: „So verschieden die Männer waren, so verschieden waren wohl ihre Hoffnungen, ihre Ziele . . . Viele von ihnen hatten geholfen, den Mächtigen zu stärken, mit der fragwürdigen Gloriole seiner Siege zu schmücken.“

 

An den Ausgangspunkt der Betrachtungen gehört die Frage, welches äußere Bild die Lage in jenem Sommer des Jahres 1944 darbot.  Etwa fünf Jahre nach Kriegsbeginn lagen die meisten deutschen Städte in Trümmern. Täglich starben Tausende im Hagel der Bomben, erstickten in Luftschutzkellern oder verbrannten im Phosphorregen. Tausende erlagen den entsetzlichen  Lebensbedingungen in den Konzentrationslagern und Zuchthäusern oder erlitten einen qualvollen Tod in den Gaskammern und Folterhöhlen der SS und Gestapo. Deutschland schien zu einem einzigen Friedhof zu werden. Die Lage an den Fronten kündete vom nahen Ende des nationalsozialistischen Schreckensregimentes. Im Osten war die Heeresgruppe Mitte unter den Schlägen der vorrückenden sowjetischen Einheiten zusammengebrochen, im Westen hatten die Alliierten – spät aber doch – die zweite Front eröffnet und mit ihren Landoperationen begonnen.

 

Das von den Widerstandskämpfern lange vorhergesagte Ende zeichnete sich ab. Nur wer mit Blindheit geschlagen war, konnte noch auf einen Erfolg Hitlerdeutschlands hoffen. In dieser Situation hielten es auch manche Generale für angebracht, ihre seit Stalingrad bestehenden Bedenken gegen die „Kriegskunst“ Hitlers offener auszusprechen, als sie es vorher gewagt hatten. Bei den Differenzen zwischen ihnen und dem „obersten Feldherrn“ ging es jedoch weniger darum, die einzig mögliche Konsequenz aus der entstandenen Lage zu ziehen, nämlich den Krieg zu beenden, als vielmehr darum, die Leitung der militärischen Operationen zu v erbessern, um entweder die Kriegsziele zu erreichen, oder zumindest die Situation zu stabilisieren.

 

Das Attentat war überfällig

 

In seiner „Geschichte des zweiten Weltkriegs“ schreibt General von Tippelskirch zu Beginn des Kapitels über den 20.Juli: „Seit der Katastrophe von Stalingrad hat sich die ganze innere Auflehnung gegen die Grundsätze, nach denen Hitler die Operationen führte, in denjenigen Kreisen des Offizierskorps des Heeres, die einen tieferen Einblick in die Zusammenhänge besaßen, nicht mehr gelegt.“  Über den Zeitpunkt des Attentates vom 20. Juli schrieb Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, der seinerzeit in Verbindung mit Widerstandsgruppen stand, am 20. Juli 1954 in der Hamburger Zeitung „Die Welt“:  „Im Anblick der ungeheuren Blutopfer an den Fronten und in den Städten in der Heimat, in den Konzentrationslagern und ihren Gasöfen war die Tat, die Tat um jeden Preis, längst überfällig.“ Gerstenmaier sprach damit aus, was viele Widerstandskämpfer angesichts der späten Aktion damals empfanden.

 

Zum Verständnis für die Schwierigkeiten, denen sich die unmittelbar an dem Attentat Beteiligten, wie die gesamte Widerstandsbewegung mit ihren vielen kleinen Gruppen gegenübersahen, muss darauf hingewiesen werden, dass der Terror des Naziregimes gegen Andersdenkende zu jener Zeit nahezu unvorstellbare Ausmaße angenommen hatte. Nach Angaben des damaligen Reichsjustizministers Thierack, die allerdings kaum als vollständig angesehen werden können, wurden im Jahr 1944 binnen drei Monaten nicht weniger als 176. 670 Personen aus politischen Gründen verhaftet. Dieser Terror erschwerte naturgemäß alle Widerstandshandlungen.

 

Mangelnde Verbindung zum Volk

 

Die Existenz ungezählter Widerstandsgruppen vornehmlich in Arbeiterkreisen  aber auch in Kreisen des Bürgertums, der Intellektuellen und des kirchlichen Lebens sowie die seit Beginn der Terrorherrschaft nie abgerissenen Widerstandshandlungen dieser Gruppen machen deutlich, dass der entschlossene Wille ungebrochener Antifaschisten auch dem größten Druck des menschenfeindlichen Regimes zu trotzen verstand.  In dieser Beziehung sind die objektiven Schwierigkeiten, denen sich die Verschwörer des 20.Juli gegenübersahen, tatsächlich nur relativ zu bewerten.

 

Diese Schwierigkeiten hätten zudem noch herabgemindert werden können, wenn die opponierenden Offiziere und Generale erkannt hätten, dass ein erfolgreicher Schlag gegen das Tyrannenregime nur möglich war in enger Verbindung mit den Widerstandsgruppen draußen im Land und auf diese Weise mit wichtigen Schichten des Volkes. Leider gab es bei den Männern des 20. Juli Kräfte, die eine solche Verbindung ablehnten. Sie taten es nicht aus Gründen der Sicherheit, sondern weil sie befürchteten, dass eine Einbeziehung der aus der Arbeiterbewegung stammenden Widerstandsgruppen der Aktion eine Richtung geben könnte, die ihren politischen und militärischen sowie wirtschaftlichen Vorstellungen zuwiderlief. Andererseits bestanden – man möchte sagen, natürlicherweise – bei vielen Widerstandsgruppen in Betrieben und Wohnblocks Ressentiments gegenüber der Generalität, die über viele Jahre hinweg treue Anhänger Hitlers in ihren Reihen vereinte und die militärischen Abenteuer des Diktators überhaupt erst hatten möglich werden lassen.

 

„ . . .selbst mit dem Teufel“

 

Trotz dieser Vorbehalte gab es vereinzelte Verbindungen zwischen Angehörigen des Kreises 20.Juli und kommunistischen Widerstandsgruppen. Rudolf Pechel berichtet in seinem Buch „Deutscher Widerstand“ (1947) über die  Entschlossenheit kommunistischer Widerstandskämpfer, auf Grund der damaligen Lage such mit der Generalität gegen Hitler vorzugehen. Am 29. Juni 1944 führte Pechels Frau ein Gespräch mit dem Kommunisten Franz Jacob, der sich wie folgt äußerte: „Jetzt ist es soweit, dass wir selbst mit dem Teufel, sprich der Generalität,  einen Pakt schließen und gemeinsam einen Staatsstreich machen.“ Dieser Pakt kam aber nicht zustande, weil auf der Gegenseite die Bereitschaft dazu fehlte.

 

Es war indes nicht nur die fehlende Verbindung zu breiteren Volkskreisen, die einen Plan zur Wendung der Geschicke von vornherein wenig aussichtsreich erscheinen ließ. Die an der Vorbereitung des Attentats beteiligten Offiziere und Generale, die im Dienst Hitlers bei militärischen Angriffsoperationen ein nicht geringes Maß an Fähigkeiten gezeigt hatten, legten bei der Planung des Anschlages auf Hitler und den danach vorgesehenen Aktionen einen ausgesprochenen Dilettantismus an den Tag. Sie konzentrierten alles auf  einen Mann, den Obersten Graf Claus von Stauffenberg. Bei ihm liefen in Berlin alle Fäden zusammen. Er hätte während des Attentats auf Hitler in Berlin zur Verfügung stehen müssen. Stattdessen wurde er mit dem Flugzeug nach Rastenburg geschickt, um in der „Wolfsschanze“, Hitlers Hauptquartier, selbst das Attentat durchzuführen. Stauffenberg, der einen Arm und drei Finger der rechten Hand verloren hatte und zudem auf einem Auge erblindet war, hätte sich im Notfall nicht einmal mit einer Pistole verteidigen können.

 

Verschiedentlich wird geäußert, niemand anders als Stauffenberg hätte Zugang zu Hitlers Besprechungsraum gefunden, wo die Bombe mit dem Zeitzünder niedergelegt werden sollte. Angesichts der entscheidenden Wichtigkeit des Anschlages auf Hitler kann dieses Argument nicht überzeugen. Es ist beschämend für die Mitverschwörer, dass sie dem schwergeprüften und seiner Kampffähigkeit beraubten Stauffenberg die Doppelrolle aufbürdeten, das Attentat auszuführen und sofort nach Berlin zurückzukehren, um dort das Kommando der Verschwörung zu übernehmen.

 

Dass der persönlich tapfere und entschlossene Stauffenberg die Einsatzbereitschaft und den Mut besaß, diese Doppelrolle zu übernehmen, gereicht ihm zur hohen Ehre. In seinem Buch „Der 20. Juli“ (Wedding-Verlag. Berlin 1946) stellt auch Dr. Franz Reuter, der an den Plänen zur Beseitigung Hitlers beteiligt war und sich am Tage des Attentats im Hauptquartier aufhielt, die Frage, ob Stauffenbergs Einsatz zweckmäßig war. Er schreibt: „Fand sich kein besser gestellter Attentäter, konnten und mussten überhaupt die äußeren Umstände nicht so gestaltet werden, dass er Erfolg auf keinen Fall ausblieb? Die Frage stellen, heißt sie bejahen.“

 

Stauffenbergs Rolle

 

Stauffenberg kehrte in dem Glauben nach Berlin zurück, das Attentat sei geglückt. Die Meldung über den Fehlschlag hatte dort inzwischen die Unsicherheit im inneren Kreis der Verschwörer verstärkt. Über die unter ihnen seit langem herrschende Stimmung bekannte der zu ihrem Kreis gehörende General Fromm bereits am 20. 2. 1943 in seinem Tagebuch: „Der eine will handeln, wenn er Befehl erhält, der andere befehlen, wenn gehandelt ist . . .“ Da es der Chef des Nachrichtenwesens, der in die Attentatspläne eingeweihte General Fellgiebel nicht vermochte, die „Wolfsschanze“ wie vorgesehen von der Verbindung zur Außenwelt abzuschneiden, konnte die Kamarilla um Hitler unverzüglich Gegenmaßnahmen einleiten.

 

Kritisch äußert sich auch Dr. Franz Reuter in seinem Buch über das Verhalten der Verschwörer: „Auch nach dem Misslingen des Attentates brauchte nicht alles verloren zu sein, wenn die weitere Durchführung besser vorbereitet, oder richtiger gesagt – die militärischen Vorbereitungen waren jedenfalls sehr umfangreich – nicht zu einseitig auf den Tod Hitlers abgestellt gewesen und nach dem Misserfolg ein anderer hoher Offizier vor die Front gesprungen wäre. Dass Letzteres nicht geschah, wird immer unbegreiflich bleiben.“ Über den entscheidenden Punkt des „Fehlschlages“ schreibt Reuter: „Im tiefsten Grund ist der 20. Juli misslungen, weil die Generale sich viel zu spät und zu wenig entschieden und umfangreich hinter die Zivilisten gestellt haben. Immer wieder haben sie Ausreden aus der jeweiligen Situation gehabt.“

 

Tatsächlich hatten die Verschwörer Vertrauensleute und Anhänger in vielen ausschlaggebenden Kommandostellen der Wehrmacht, in der Spionage und Abwehr, ja sogar in Dienststellen der SS und Gestapo. Sie verfügten somit über eine große Anzahl von Waffen, aber vor dem offenen Kampf schreckten sie zurück, wobei – wie bereits ausgeführt – der entscheidende Mangel das Fehlen einer engen Beziehung zu den im Volk verwurzelten Widerstandsgruppen und zum Volk überhaupt war.

 

Die Pläne der Verschwörer

 

Bleibt die Frage, welche Ziele die Verschwörer anstrebten. Günther Weisenborn schreibt in dem Buch „Der lautlose Aufstand“, dass über die Frage der Berechtigung des von den Verschwörern eingeschlagenen Weges, einen Staatsstreich von oben zu versuchen, statt von unten die Opposition der Massen zu aktivieren, in Widerstandskreisen viel diskutiert worden ist. Es liegt eine Reihe von Äußerungen vor, wonach es verschiedenen Teilnehmern der Verschwörung nicht darum ging, mit dem Kriegswahnsinn Schluss zu machen, sondern ein Arrangement mit den westlichen Alliierten zu suchen, um dort Kräfte für eine Niederringung der Sowjetunion zu mobilisieren. „Das Hauptmotiv für ihre Aktionen“, so schreibt Allen W. Dulles in seinem Buch „Verschwörung in Deutschland“ auf Seite 170, „ist der glühende Wunsch, Zentraleuropa davor zu bewahren, ideologisch und faktisch unter russische Herrschaft zu kommen.“ Weiter heißt es: „Anfang Mai 1944 bekam Gisevius aus Berlin einen Plan…Der Hauptinhalt des Planes war, dass die antinazistischen Generale den amerikanischen und britischen Truppen den Weg für die Besetzung Deutschlands frei machen und gleichzeitig die Russen an der Ostfront festhalten würden.“

 

Aus dem von Goerdeler im Fall des Gelingens des Attentates für die Presse bestimmten „Aufruf an das deutsche Volk“ geht hervor, dass möglicherweise nicht einmal an einen sofortigen Rückzug der deutschen Truppen aus den völlig zu Unrecht überfallenen und besetzten Ländern gedacht war. Auch die Frage, ob die generelle Einstellung des Krieges geplant war, bleibt in dem Aufruf offen. Es heißt nämlich darin: „Unsere erste Aufgabe wird sein, den Krieg von seinen Entartungen zu reinigen.“ Es sollte dafür gesorgt werden, „dass, soweit zur Zeit noch fremde Gebiete besetzt gehalten werden müssen, den Betroffenen die volle Selbstregierung wieder ermöglicht und die Anwesenheit deutscher Truppen so wenig lastend wie möglich gemacht wird.“

 

(Anmerkung: Allen W. Dulles, ehemals Direktor des amerikanischen Geheimdienstes CIA;  Hans Bernd Gisevius war Verbindungsmann der Widerstandsgruppe um Generaloberst Beck zum US-Geheimdienst. Carl Friedrich Goerdeler sollte nach der Beseitigung Hitlers das Amt des Reichskanzlers übernehmen. K.N.)

 

Einseitige Orientierung

 

Der schon genannte Franz Reuter schreibt zu den außenpolitischen Absichten der Verschwörer des 20. Juli: „Was die eminent wichtige Frage der Außenpolitik angeht, so hoffte man ganz überwiegend, zunächst mit den angelsächsischen Mächten zu Rande zu kommen. Man wollte aber auch gleichzeitig den Krieg im Osten beenden, nur dass man mehr, wenn auch keineswegs ausschließlich, Sympathie und Anknüpfungsmöglichkeiten nach dem Westen hatte… Der als Außenminister in Aussicht genommene ehemalige römische Botschafter von Hassel, Schwiegersohn des Großadmirals Tirpitz, stand mit seinem Gefühl dem Westen nahe.“ Der nachfolgende Satz Reuters lässt darauf schließen, dass verschiedene Mitverschwörer an ein Konzept dachten, das sich in außenpolitischer Hinsicht von dem der NS-Regierung nur graduell unterschied. Er schreibt: „Ich selbst habe frühzeitig die Auffassung vertreten, dass der Anstoß für eine kühne oder ungewöhnliche Außenpolitik von jemand anderem (als von Hassel) hätte ausgehen müssen.“

 

 

Eine Bestätigung für die im Kreis der Verschwörer gehegte Absicht, mit dem Westen gegen den Osten zu paktieren und zu kämpfen liegt in folgender Mitteilung Reuters:  „Ich selbst habe frühzeitig den Standpunkt vertreten, dass mit einer Entzweiung zwischen den angelsächsischen Mächten und Russland vor der siegreichen Beendigung des Krieges nie zu rechnen sei…“ Danach haben solche Spekulationen bei verschiedenen Angehörigen des Kreises 20. Juli zweifellos eine Rolle gespielt und sie in dem Gedanken bestärkt, das Kriegsgeschick mit Hilfe westlicher Panzer und Kanonen in einer Weise zu wenden, die möglicherweise den Ambitionen der Generale, nicht aber den Interessen des von den Folgen der verflossenen Kriegsjahre schwer getroffenen Volkes entsprochen hätte.

 

Dass es Absichten dieser Art gab, spricht indessen nicht gegen jene Verschwörer, die sich ehrlich und mit höchstem persönlichen Mut für die Interessen des Volkes einsetzten und Tapferkeit bis zum Tod bewiesen. Unter ihnen befanden sich Männer, die die Volkskräfte bei der Beseitigung des Naziregimes nicht ausschalten wollten und die – wie Graf Stauffenberg  und Adam Trott – Verbindung zu aktiven Widerstandsgruppen hatten und für ein Bündnis mit ihnen eintraten

 

Das Verdienst anderer Widerstandskreise

 

Nach allem was über den 20. Juli bekannt geworden ist, muss gesagt werden, dass – unter Zugrundelegung der Volksinteressen und der Ideale der Widerstandsbewegung – die an jenem Tag wirksam bzw. nicht wirksam gewordenen Kräfte positive und negative Elemente vereinten. Die Vorgänge um den 20. Juli sind als Widerstandshandlung gegen ein barbarisches Regime in die Geschichte eingegangen und verdienen eine entsprechende Würdigung.

 

Verfehlt wäre es jedoch, diese Tat als die einzig erwähnenswerte Widerstandshandlung zu betrachten. Schon lange bevor der Kreis um den 20. Juli die Notwendigkeit von Abwehrmaßnahmen erkannt hatte, waren Widerstandskämpfer für die Beseitigung des Naziregimes eingetreten. Um der geschichtlichen Wahrheit willen muss gesagt werden,  dass es sich hier vornehmlich um Kommunisten und Sozialdemokraten handelte. Wegen ihres unerschrockenen Kampfes wurden ungezählte auf barbarische Weise ermordet. Die Tragik ihres Opfers liegt darin, dass sie nicht rechtzeitig zum gemeinsamen Handeln zusammenfanden.

 

Trotz aller Vorbehalte im Hinblick auf den 20. Juli wehren sich die überlebenden Widerstandskämpfer entschieden dagegen, die Verdienste der positiven Kräfte des 20. Juli wie überhaupt die Widerstandsbewegung herabzuwürdigen. Ihr Ansehen und ihre Ehre gilt es gegen alle zu verteidigen, die durch die politische Entwicklung in der Bundesrepublik und das Wiedererstarken militaristischer Kräfte dazu ermuntert werden, sie als „Landesverräter“ zu verdächtigen und ihre edlen Motive in Frage zu stellen. Was die Versuche des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Heusinger, angeht, sich vor die Männer des 20. Juli zu stellen, so hätte er besser daran getan, sich 1944 zu ihnen zu bekennen!

 

Die andere Gewalt

Worüber nach dem G-20-Gipfel zu reden wäre

 

Kurt Nelhiebel

 

Bremen (Weltexpresso) – In zwei Wochen wird in Hamburg von den Spuren der Gewalt  vermummter Chaoten nichts mehr zu sehen sein. Wo ausgebrannte Autos standen werden neue stehen und die  Regale in den geplünderten Supermärkten werden wieder gefüllt sein. Die Spuren der Gewalt hingegen, die die Mächtigen der Welt gegen die Armen und Schwachen ausüben, verschandeln weiterhin das Gesicht unserer Erde und nichts deutet darauf hin, dass sich auf absehbare Zeit daran etwas ändert.

 

Quod licet Jovi, non licet Bovi, sagen die einen, während die anderen das Recht des Stärkeren nicht länger hinnehmen wollen. Statt über die Ursachen der globalen Probleme und deren Beseitigung zu reden wird – wieder einmal – über eine Verbesserung der polizeilichen Zusammenarbeit, diesmal auf europäische Ebene, schwadroniert und dem Linksextremismus der Kampf angesagt. Als die Jeunesse dorrée unter den Talaren den Muff von 1.000 Jahren entdeckte und gegen ihre naziverseuchten Väter auf die Straße ging, brach dasselbe Gejammere los, mit dem uns Politiker jegliche Couleur jetzt in den Ohren liegen. Bei uns wäre nicht passiert was in Hamburg passiert ist, prahlte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, in dessen Zuständigkeitsbereich die rechtsterroristische NSU-Mordgruppe die meisten ihrer Verbrechen begehen konnte, ohne dass Polizei und Verfassungsschutz etwas bemerkten.

 

„Globalisierung außer Kontrolle – Traut Euch! Radikal denken, entschlossen handeln – nur so ist die Welt noch zu retten“  Das stand wenige Tage vor Beginn des G-20-Gipfels nicht im linken „Neuen Deutschland“, sondern auf der Titelseite des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, ergänzt durch eine Grafik, der zufolge dem reichsten Zehntel der Menschheit 89 Prozent des Vermögens gehört. Auf die nächsten 40 Prozent entfielen 10,8 Prozent, und der ärmsten Hälfte der Menschheit  gehöre fast nichts, nämlich nur 0.2 Prozent. Angesichts dieser Zahlen klingt es wie Hohn, wenn Martin Schulz und Siegmar Gabriel verlangen, die Globalisierung gerechter zu gestalten. Um dem von Helmut Schmidt so bezeichneten „Raubtierkapitalismus“ die Zähne zu ziehen wird das nicht reichen.

 

Donald Trump verkörpert diesen Raubtierkapitalismus, von Martin Schulz auch als „zügelloser Wildwest-Kapitalismus“ apostrophiert, in Reinkultur. Sein „America First“ ist eine Kampfansage an die Welt. Er betrachtet die USA als Geschäftsunternehmen bei dem nur eines zählt: Der eigene Nutzen, oder genauer gesagt der Profit. Was für ein Desaster für die vermeintlich beste aller Welten! Zerknirscht kommt Stefan Kornelius in der „Süddeutschen Zeitung“ zu dem Schluss:  „Die USA führen nicht mehr die freie und offene Welt an, sie arbeiten gegen sie.“

 

Was bedeuten angesichts dieses politischen Scherbenhaufens die Scherben von Hamburg?  Aber bei uns läuft alles wieder nur auf die armselige Forderung hinaus, den Staat zu stärken, die Polizei besser auszurüsten und dem verantwortlichen Bürgermeister und sozialdemokratischen Hoffnungsträger Olaf Scholz den Stuhl vor die Tür zu setzen. Der Ruf nach Einsatz der Bundeswehr im Innern wird nicht lange auf sich warten lassen. Armes Deutschland. Es wird den obrigkeitsstaatlichen Morast in den Köpfen einfach nicht los.

 

(Weltexpresso 11.7.2017)

 

Tagung und Lesung Kurt Nelhiebel zum 90. Geburtstag in der Villa Ichon in Bremen

Tagung & Lesung Kurt Nelhiebel zum 90. Geburtstag in der Villa Ichon in Bremen


In dieser Villa soll friedliche Kulturarbeit geleistet werden, oder, umgekehrt ausgedrückt, eine kulturelle Friedensarbeit. Dr. Klaus Hübotter, 24. September 1982

21.06.2017 um 16:20 Uhr

Gegen den Wind

Zum 90. Geburtstag  – Kurt Nelhiebel

in der Villa Ichon

 

Geschichten und Texte zum

(Foto: Manja Hermann)

Zeitgeschehen 1927 – 2017

Am 21. Juni 2017 findet von 16 bis 21 Uhr in der Bremer Villa Ichon, die von der BUXUS STIFTUNG organisierte Tagung zum Erscheinen der Erinnerungen von Kurt Nelhiebel statt. Der Journalist feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag.

Die Villa Ichon zeigt in einer Sonderausstellung zur Tagung eine Auswahl der politischen Karikaturen von Kurt Nelhiebel.

Weitere Infos auch unter: www.kurt-nelhiebel.de und www.buxus-stiftung.de

 

Ein Höhepunkt der Veranstaltung ist um 20:00 Uhr die LESUNG: Gegen den Wind.

Die Lesung aus den Geschichten und Texten von Kurt Nelhiebel übernimmt der Schauspieler Martin Baum (Theater Bremen).

 

Gegen den Wind: Geschichten und Texte zum Zeitgeschehen 1927 – 2017 

von Conrad Taler

Verlag: PapyRossa

Auflage: 1 (1. Mai 2017)

ISBN-10: 3894386460

ISBN-13: 978-3894386467

Über den Autor

Conrad Taler (Kurt Nelhiebel), Jahrgang 1927, Journalist und ehemaliger Rundfunkredakteur, lebt in Bremen und ist als Autor für Printmedien im In- und Ausland tätig. Für sein publizistisches Lebenswerk wurde er 2014 mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet.

Das vorliegende Buch vereint neben bisher unveröffentlichten Geschichten aus dem Leben von Conrad Taler (Kurt Nelhiebel) einige seiner wichtigsten Texte zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgehend von seinen Kindheitserinnerungen an das friedliche Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in seiner böhmischen Heimat und an die darauf folgende Zeit der Verfolgung während des NS-Regimes wendet er sich gegen den Missbrauch von Heimatliebe durch die Vertriebenenverbände. Seine Kritik an der bundesdeutschen Wiederbewaffnung führt ihn an die Seite der Antifaschisten. Er unterstützt deren Engagement gegen das Wiederaufleben der Nazi-Ideologie und die Etablierung des Antikommunismus als Staatsdoktrin. Die Begegnung mit dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und seine Eindrücke als Beobachter des Auschwitz-Prozesses bestärken ihn in seinem Kampf gegen das Vergessen und die Einebnung der deutschen Geschichte. Leiten lässt er sich von Albert Einsteins Forderung nach einer neuen Qualität des Denkens und der Mahnung Fritz Bauers: »Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.«