Erinnerung an die Novemberpogrome 1938 SPRACHE ALS GEDÄCHTNIS Ein Gespräch mit RUTH KLÜGER und HERTA MÜLLER

Im Wiener Volkstheater fand gestern abends – bereits zum wiederholten Mal – eine Erinnerung an die Novemberpogrome 1938 statt. Der Titel war diesmal „SPRACHE ALS GEDÄCHTNIS“. Es war eine gemeinsame Veranstaltung mit dem österreichischen Parlament und der Stadt Wien unter dem Ehrenschutz der Präsidentin des Nationalrats, Frau Mag.a Barbara Prammer.Bild Das Thema aufgearbeitet hat ein Gespräch mit den beiden Zeitzeugen und Ehrengästen, Frau Ruth Klüger und Frau Herta Müller. Die Moderation besorgte eher unbedarft Frau Dr.in Cordula Fink-Schürmann, die musikalische Begleitung mit mitreissenden Klängen, Andrej Prozorov mit dem Sopransaxophon und Milos Todorovski mit dem Akkordeon mit eigenen Kompositionen.

Ruth Klüger (* 30. Oktober 1931 in Wien als Susanne Klüger; früher auch Ruth K. Angress) ist eine US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. 

BildRuth Klüger wurde als Tochter eines jüdischen Frauenarztes in Wien geboren. Bereits in ihrer frühen Kindheit erlebte sie den Antisemitismus und die systematische Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben in ihrer Heimatstadt. Dass die nationalsozialistische Verfolgung auch vor ihrer eigenen Familie nicht Halt machte, erfuhr sie zunächst am Schicksal ihres Vaters, der nach Frankreich floh. Er fiel ebenso wie ihr Halbbruder trotzdem der NS-Judenvernichtung zum Opfer.

1942 wurde Ruth Klüger im Alter von elf Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter in die Konzentrationslager deportiert, zuerst nach Theresienstadt. Anschließend war sie in Auschwitz und Christianstadt, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, gefangen. 1945 gelang ihr die Flucht noch kurz vor dem Kriegsende. Nach dem Krieg lebte sie mit ihrer Mutter im bayerischen Straubing, wo sie ein Notabitur ablegte. Diese Jugend beschreibt sie in ihrem 1992 erschienenen und viel beachteten Buch „weiter leben“.

Bild1946 nahm Ruth Klüger ein Studium an der Philosophisch-theologischen Hochschule in Regensburg auf. Ein Studienkollege war Martin Walser, der in ihrer Autobiographie in der Figur des Christoph porträtiert ist. Die Freundschaft, die sich aus dem Studium entwickelte, beendete Klüger 2002 durch einen Offenen Brief an Walser nach dem Erscheinen seines Buches Tod eines Kritikers.
Ruth Klüger emigrierte 1947 in die USA und studierte in New York Bibliothekswissenschaften und Germanistik an der University of California, Berkeley. Das Studium schloss sie 1952 mit dem Master of Arts ab. In den fünfziger Jahren war Ruth Klüger mit dem Historiker Werner Angress verheiratet und publizierte noch bis in die 1980er Jahre hinein unter dem Namen Ruth K. Angress. 1967 promovierte sie beim Barockforscher Blake Spahr.

Von 1980 bis 1986 war sie Professorin an der Princeton University und danach Professorin für Germanistik an der University of California in Irvine sowie seit 1988 Gastprofessorin an der Georg-August-Universität Göttingen. Dementsprechend lebt die Autorin beidseits des Atlantiks, abwechselnd in Irvine und in Göttingen.
2008 veröffentlichte Ruth Klüger unter dem Titel unterwegs verloren ihre späteren Erinnerungen.
Als Literaturwissenschaftlerin hat sich Klüger intensiv mit Heinrich von Kleist befasst und war langjährige Herausgeberin der Zeitschrift German Quarterly. 2005 war Ruth Klüger Dozentin im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur.*)http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Kl%C3%BCger

Das nämlich wird oft übersehen: Ruth Klüger verfügt über ein gerüttelt Maß Ironie und als charmante Bosheit getarnten Humors – ihr jüdisch-wienerisches Erbe. Aus der Dialektik von Opfersein und Freisein hat sie ihre Synthese gefunden. Sie stammt von Schiller, einem ihrer Helden der unvollendeten Aufklärung, der das Loblied der Beschäftigung sang: „die zu dem Bau der Ewigkeiten / zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, / doch von der großen Schuld der Zeiten / Minuten, Tage, Jahre streicht.“ Die literarische Welt im allgemeinen kann sich glücklich schätzen, dass Ruth Klüger schreibt.*)http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13687047/Poesie-als-Ueberlebensmittel.html

Herta Müller (* 17. August 1953 in Nitzkydorf, Rumänien) ist eine rumäniendeutsche, aus dem Banat stammende Schriftstellerin. Im Jahr 2009 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur für ihr sprachgewaltiges Gesamtwerk über die rumänische Diktatur.

BildHerta Müller, deren Familie zur deutschen Minderheit in Rumänien gehörte, wurde als Banater Schwäbin im Banat geboren. Ihr Großvater war ein wohlhabender Bauer und Kaufmann. Er wurde unter dem kommunistischen Regime in Rumänien enteignet. Ihre Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu jahrelanger Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert. Ihr Vater, ehemals Soldat der Waffen-SS, verdiente seinen Lebensunterhalt als Lkw-Fahrer. Als Schülerin in Temeswar lernte sie erst mit 15 Jahren Rumänisch.
Nach dem Abitur studierte sie von 1973 bis 1976 an der dortigen Universität Germanistik und Rumänistik. Ab 1976 arbeitete Herta Müller als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde allerdings 1979 nach ihrer Weigerung, mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. Zeitweise war sie Lehrerin, unter anderem am deutschsprachigen Nikolaus Lenau Lyzeum in Timişoara (Temeswar), arbeitete in Kindergärten und erteilte Privatschülern Deutschunterricht.
BildIn Temeswar stand Herta Müller zunächst den Autoren der Aktionsgruppe Banat nahe: Richard Wagner, Ernest Wichner, Gerhard Ortinau, Rolf Bossert, William Totok, Johann Lippet u. a. Nach der Zerschlagung der Gruppe durch die Securitate im Jahre 1976 organisierten sich die Autoren wieder im offiziellen Literaturkreis der Temeswarer Schriftstellervereinigung „Adam Müller-Guttenbrunn“ um den Dichter und Chefredakteur der örtlichen deutschsprachigen Zeitung Nikolaus Berwanger. In diesem Schriftstellerkreis, zu dem nun auch Helmuth Frauendorfer, Roland Kirsch, Horst Samson und Werner Söllner gehörten, war Herta Müller die einzige Frau. Ihr erstes Buch Niederungen, dessen Manuskript vor der Veröffentlichung über vier Jahre vom Verlag zurückgehalten wurde, konnte 1982 in Rumänien, wie alle Publikationen, nur in stark zensierter Fassung erscheinen. Teile der Banater Schwaben empfanden es als „Nestbeschmutzung“. Bereits die Veröffentlichung der in dem Band enthaltenen Satire Das Schwäbische Bad im Mai 1981 in der Neuen Banater Zeitung löste bei den Lesern zum Teil barsche Kritik aus.
Herta Müller begann mit dem Schreiben, als Gespräche über die Lage im totalitären System des rumänischen Staatschefs Nicolae Ceaușescu zu gefährlich wurden. In ihrer Stockholmer Nobelpreis-Vorlesung sagte sie, sie wolle mit ihren Texten ausdrücken, wie Diktaturen Menschen ihrer Würde beraubten. Sie habe „auf die Angst vor dem Tod mit einem Durst nach Leben“ reagiert und sei vom Regime Ceaușescus verfolgt worden, weil sie sich geweigert habe, Informantin zu werden.
Nachdem sie dreimal auf Besuch in der Bundesrepublik Deutschland gewesen war (erstmals 1984), reiste Herta Müller 1987 mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus. Im Auffanglager empfand sie die Lage als sehr bedrückend. 2008 äußerte sie dazu, sie empfinde es als Skandal, dass sich das Lager ausgerechnet gegenüber einem ehemaligen Parteigebäude der NSDAP befinde, und ergänzte: „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. […] Die ganze Atmosphäre in dem Auffanglager war unerhört. […] Man ist mit den Menschen höchst problematisch umgegangen. Und ich habe häufig gedacht: Wie mag es Menschen ergehen, die in dieses Land kommen, die nicht einmal die Sprache verstehen?“
In den folgenden Jahren erhielt sie eine Reihe von Lehraufträgen als Writer in residence an Universitäten im In- und Ausland. 1998 wurde sie auf die „Brüder-Grimm-Gastprofessur“ der Universität Kassel berufen, 2001 hatte sie die Tübinger Poetik-Dozentur inne, 2005 war sie „Heiner-Müller-Gastprofessorin“ an der Freien Universität in Berlin, wo sie heute lebt.
Herta Müller gehörte bis zu ihrem Austritt 1997 dem P.E.N.-Zentrum Deutschland an; seit 1995 ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
2008 behauptete Müller in einem Gespräch, sie sei auch noch in Deutschland seitens der Securitate mit dem Tod bedroht und von ihren Gegnern unter den Banater Schwaben mit anonymen Briefen belästigt worden: „Damit habe ich nicht gerechnet. Und ich habe mich gefragt, wo bist du hier eigentlich? Ich dachte, am besten wäre es, den Koffer wieder zu nehmen und wegzutragen – aber wohin?“

Im Rahmen eines sehr angeregten und freundschaftlichen Gesprächs gelang es beiden Damen, dem Titel „Sprache als Gedächtnis“ gerecht zu werden und die Sprache als machtvolles Instrument ebendieses  Gedächtnisses darzustellen und die Erinnerung an die Gräuel  der Nazis und auch der sozialistischen Diktaturen wachzuhalten.Bild

Ein sehr wichtiger und auch gelungener Abend im Volkstheater!

Bericht von Werner Kläring

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