O Deutschland, bleiche Mutter!

Über den Umgang mit Fritz Bauer, der Auschwitz vor Gericht brachte

 

Von Kurt Nelhiebel

Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch

Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.

                                                                                                                                           (Fritz Bauer 1964)

 

Es war Volker Hauff, ein Mann aus der schwäbischen Heimat Fritz Bauers, der 1989 als sozialdemokratischer Oberbürgermeister von Frankfurt am Main die Idee hatte, ein wissenschaftliches Institut zur Erforschung des Holocaust ins Leben zu rufen und nach seinem Landsmann zu benennen.  Gegründet wurde das Institut 1995. Nach eigener Aussage fühlt es sich dem Andenken des hessischen Generalstaatsanwalts und Initiators des Auschwitz-Prozesses, Fritz Bauer, verpflichtet.

Dem von den Nazis verfolgten Demokraten und Patrioten ging es nicht in erster Linie darum, Beteiligte an den Verbrechen der Nazis zur bestrafen, viel wichtiger war ihm, den Menschen die Augen zu öffnen für die Wurzeln des Bösen, wie er es nannte. Millionen Deutsche haben zu diesem Bösen geschwiegen, Hunderttausende haben es aktiv unterstützt, darunter die gesamte deutsche Richterschaft. Sie fürchtete Fritz Bauer, der das andere, das bessere Deutschland verkörperte, am meisten und verachtete ihn als Nestbeschmutzer. Er  machte den Mitmachern von einst und ihren Alumnen ein schlechtes Gewissen, er war ihnen ein Stachel im Fleisch – und ist es 46 Jahre nach seinem Tod immer noch.

Unbeliebt machte sich Fritz Bauer bereits drei Jahre nach seiner Rückkehr aus der Emigration durch die von ihm 1952 erkämpfte Feststellung der Dritten Großen Strafkammer des Braunschweiger Landgerichts, der nationalsozialistische Staat sei „kein Rechtsstaat, sondern ein Unrechtsstaat“ gewesen. Er befreite die Widerstandskämpfer des 20. Juli damit vom Vorwurf des Landesverrats. Aber nicht alle dachten so.  1956 kam der Bundesgerichtshof zu dem Schluss, auch der nationalsozialistische Staat habe das Recht auf Selbstbehauptung gehabt und sprach einen ehemaligen SS-Richter frei, der die Widerstandskämpfer um Admiral Canaris und Dietrich Bonhoeffer zum Tode verurteilt hatte.

Nicht nur aus den Reihen der Richterschaft schlug Fritz Bauer Ablehnung und Hass entgegen, auch die CDU rieb sich immer wieder an ihm. Seine Absage an blinden Gehorsam gegenüber staatlicher Gewalt war ihr suspekt. Ein wissenschaftliches Institut nach Fritz Bauer zu benennen, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Das von der CDU regierte Land Rheinland-Pfalz verbot die Verteilung einer Broschüre an den höheren Schulen des Landes, in der sich Fritz Bauer zu den  Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns äußerte. Anonyme Gutachter hatten den Inhalt im Auftrag des CDU-Kultusministers Eduard Orth als „sachlich fragwürdig und von einseitiger Betrachtungsweise diktiert“ bezeichnet.  Zur selben Zeit wurde an den Schulen ein Geschichtsbuch benutzt, in dem die Verfolgung der Juden durch die Nazis mit sieben Zeilen abgetan wurde.

Der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl hielt Fritz Bauer 1962 entgegen, der zeitliche Abstand sei noch zu kurz für ein abschließendes Urteil über das „Dritte Reich“. Der hessische CDU-Vorsitzende Wilhelm Fay unterstellte Bauer  im Zusammenhang mit dem von ihm eingeleiteten Verfahren gegen den Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Hans Globke, Querverbindungen zur DDR, für einen Mann in gehobener Position eine geradezu tödliche Anschuldigung.

Als Hessen 1999 an die CDU fiel und Roland Koch Ministerpräsident wurde, sahen sich die Christdemokraten unversehens in der Verantwortung für das mit öffentlichen Mitteln geförderte  Fritz-Bauer-Institut. An Geld haben sie es in der Folgezeit nicht mangeln lassen, aber politisch schlug der Wind nach dem Eindruck von Insidern um. Im Institut machte sich eine  Anti-Bauer-Stimmung  breit. Ihren Niederschlag fand sie erstmals 2005 in dem Artikel eines Instituts-Mitarbeiters, der den Auschwitz-Prozess insgesamt in Frage stellte. Unter der Überschrift „Täterexkulpation und Opfergedenken“ vertrat der Leiter des Archivs und der Dokumentation, Werner Renz, darin die Ansicht, die Angeklagten hätten auf der letzten Stufe eines Geschehens gestanden, für das sie nicht verantwortlich gewesen seien. Eine Bestrafung zum Zweck der Vorbeugung sei nicht notwendig gewesen, da die Angeklagten ähnliche Verbrechen nicht mehr hätten begehen können und ihre Treue gegenüber dem demokratischen Rechtsstaat außer Zweifel stehe.

Der wissenschaftliche Beirat des Instituts war im Gegensatz den üblichen Gepflogenheiten vorher nicht gehört worden. Sein Vorsitzender Joachim Perels verfasste eine Erwiderung, deren Veröffentlichung der damalige Institutsdirektor Dietfried Krause-Vilmar verbot. „Diesen Artikel werde ich im nächsten Newsletter nicht abdrucken“, schrieb er dem Vorsitzenden des Beirates. „Dies gilt auch für den Fall, dass Ihre Kritik sachlich zutreffend ist, worüber ich nicht zu urteilen vermag.“  Jahre später räumte Krause-Vilmar ein: „Ob ich hier richtig gehandelt habe, ist umstritten“. Der Affront richtete sich schließlich nicht nur gegen den Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirates, sondern auch gegen den Sohn eines von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfers.

Joachim Perels wurde – wie er sich ausdrückte –  aus dem wissenschaftlichen Beirat hinausbefördert. Der Verfasser des umstrittenen Artikels konnte bleiben. Ermutigt durch die Rückendeckung von oben veröffentlichte Renz in den folgenden Jahren weitere Aufsätze mit kritischen Äußerungen über Fritz Bauer und den Auschwitz-Prozess. Einer davon veranlasste den ehemaligen Untersuchungsrichter im Auschwitz-Verfahren, Heinz Düx, zu einem Protestbrief an das Fritz-Bauer-Institut.  Nach seinem Eindruck enthielt der Artikel Elemente, die als Beginn der Demontage und Desavouierung Fritz Bauers gedeutet werden könnten.  Gemeint war einen Aufsatz von Renz mit der Überschrift „Fritz Bauer zum Zweck der NS-Prozesse. Eine Rekonstruktion“.

Im Gegensatz zu der Duldung, auf die Werner Renz setzen konnte und anscheinend immer noch setzen kann, zeigte das Institut der international angesehenen Regisseurin Ilona Ziok die kalte Schulter. Ihr Fritz-Bauer-Film „Tod auf Raten“ lasse – so hieß es – Kritiker des hessischen Generalstaatsanwalts nicht zu Wort kommen. Werner Renz bezeichnete den von der deutschen Filmbewertungsstelle einstimmig mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichneten Film im institutseigenen Publikationsorgan  als „medialen Missgriff“. Ähnliche Erfahrungen musste die Historikerin und ehemalige stellvertretende Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts, Irmtrud Wojak, machen. Ihre Biographie über den Namensgeber des Instituts, mit der sie sich habilitierte, wird – wie der Film von Ilona Ziok – vom Fritz-Bauer-Institut boykottiert, weil sie nicht genügend Distanz zu Fritz Bauer wahre. Die Exponate einer von ihr betreuten und anfänglich hoch gelobten Ausstellung über den Auschwitz-Prozess wurden nach kurzer Zeit unter Hinweis auf angeblich fehlende Lagerkapazität vernichtet.

Gefördert wurde vom Fritz-Bauer-Institut eine Biographie, die  Fritz Bauer als innerlich zerrissenen Homosexuellen darstellt, der seine politische Überzeugung nach Bedarf gewechselt und seine Freilassung aus Nazi-Haft mit einem Treuebekenntnis zu Hitler erkauft habe, der seine jüdische Herkunft verleugnet und nie ein Wort gegen den Antisemitismus in Deutschland gesagt,  ja der nicht einmal gewusst habe, auf welchem Arm die Auschwitz-Opfer ihre Häftlingstätowierung trugen. Der dienstälteste Generalstaatsanwalt der Bundesrepublik, Erardo C. Rautenberg nannte diese Biographie in Anspielung auf den Boulevardstil des Verfassers das am besten geschriebene schlechte Buch, das er bisher gelesen habe. Es zeichne ein Zerrbild von Fritz Bauer, urteilte er unter der Überschrift „Die Demontage des Generalstaatsanwalts Dr. Fritz Bauer“ in der Zeitschrift „Neue Justiz. (Nr.9/2014).  Einen Teil der Vorwürfe machte sich das Fritz-Bauer-Institut in einer von der Historikerin Monika Boll gestalteten Ausstellung zu Eigen. Obwohl ein Zeitzeuge die Verantwortlichen auf den denunziatorischen Charakter des kommentarlos gezeigten und unverkennbar von den Nazis fabrizierten angeblichen „Treuebekenntnisses“ hinwies, wurde es zum Schaden für Fritz Bauer nicht entfernt, sondern wird ab 9. Dezember  im Gebäude des thüringischen Landtags wieder gezeigt werden. Gäbe es ein Dokument mit seiner Unterschrift, hätten die Nazis keine Sekunde gezögert, es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dass das nicht geschehen ist, spricht für sich.

Die von der CDU unterdrückte Broschüre mit Fritz Bauers Analyse über „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ verstaubt seit Jahrzehnten im Archiv des Fritz-Bauer-Instituts. Wie Udo Dittmann, der Leiter eines Fritz-Bauer-Freundeskreises 2012 feststelle musste, ist die Broschüre mit dem Vortrag, den der hessische Generalstaatsanwalt auf Wunsch des Landesjugendringes von Rheinland-Pfalz 1960 in Mainz gehalten hat, in Deutschland nicht erhältlich. Erst bei einem Anbieter in den USA habe er schließlich zwei Exemplare entdeckt.

„O Deutschland, bleiche Mutter! Wie haben deine Söhne dich zugerichtet“, klagte Bertold Brecht, als er das nationalsozialistische Deutschland 1933 verließ. Den richtigen Umgang mit denen, die sich der Nazityrannei widersetzten, hat Deutschland immer noch nicht gefunden.  „Sie opferten Leben und Ehre. Hat man ihnen wenigstens die Ehre wiedergegeben?“ fragte Erich Kästner 1954. „Ihre mit Gewissensqualen und dem Tod besiegelte, mit Folter und Schande besudelte, am Fleischerhaken aufgehängte menschliche Ehre und wahre Würde? Hat man versucht, diese Männer und Frauen in unserer vorbildarmen Zeit zu dem zu machen, was sie sind? Zu Vorbildern?“  Zwei Verfassungsorgane, Bundespräsident Joachim Gauck, und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, haben kürzlich dazu aufgerufen, die Verdienste Fritz Bauers in würdigem Andenken zu bewahren. Als Vorbild haben sie ihn nicht empfohlen.

Präsidalamt würdigt Arbeit Kurt Nelhiebels

Der Verfasser des Artikels „O Deutschland – bleiche Mutter – Über den Umgang mit Fritz Bauer“, Kurt Nelhiebel, hat beim Präsidialamt in Berlin nachgefragt, ob Bundespräsident Joachim Gauck bei der Übernahme der Schirmherrschaft über die Ausstellung „Fritz Bauer – Der Staatsanwalt“, gewusst habe, dass im Begleitbuch zu der Ausstellung ein Nazidokument gezeigt werde, das Fritz Bauer ein Treuebekenntnis gegenüber Hitler unterstelle. Durch den kommentarlosen Abdruck behalte das vermeintliche Dokument seinen denunziatorischen Charakter und sei dazu angetan, die moralische und politische Integrität Fritz Bauers zu beschädigen. Das Präsidialamt antwortete am 20. Juni 2014, der Bundespräsident mache sich durch die Übernahme der Schirmherrschaft nicht jede einzelne Auffassung zu eigen, die in der beschirmten Ausstellung geäußert werde. Der Brief des Präsidialamtes an Kurt Nelhiebel endet mit den Worten: „Ihr langjähriges publizistisches Engagement als einer der letzten lebenden Zeitzeugen des seinerzeitigen Wirkens Fritz Bauers beeindruckt, ebenso Ihr sehr lohnendes Ziel, jungen Menschen zu helfen, ihre Lehren aus der leidvollen deutschen Geschichte zu ziehen.“