Wie es 1945 endete und wie es dann weiter ging

Über den deutschen Umgang mit dem Ex-Nazi Karl Dönitz und dem Nazi-Opfer Fritz Bauer

Kurt Nelhiebel

Schon der erste Satz ist gelogen. Der Führer sei „gefallen“, behauptete Karl Dönitz am 2. Mai 1945 in einem Tagesbefehl an die deutsche Wehrmacht, nachdem Adolf Hitler ihn testamentarisch zum Reichspräsidenten und seinem Nachfolger bestimmt hatte. Der Führer war nicht gefallen, er war nicht im Kampf zu Tode gekommen, Hitler hatte sich am 30. April in seinem Berliner Bunker durch Selbstmord seiner Verantwortung entzogen. Dennoch log der Großadmiral und neue Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht wie gewohnt großmäulig weiter: „Getreu seiner großen Idee, die Völker Europas vor dem Bolschewismus zu bewahren, hat er sein Leben eingesetzt und den Heldentod gefunden. Mit ihm ist einer der größten Helden der deutschen Geschichte dahingegangen.“

Der neue Führer des Großdeutschen Reiches übernahm die Herrschaft nach eigenem Bekunden „mit dem Willen, den Kampf gegen die Bolschewisten“ fortzusetzen. Von den Soldaten verlangte er Disziplin und Gehorsam und „weiteren bedingungslosen Einsatz“. Ein Feigling und Verräter sei, der sich seiner Pflicht entziehe „und damit deutschen Frauen und Kindern Tod und Versklavung“ bringe. Das sagte Dönitz zu einem Zeitpunkt, da Deutschland bis auf einen Rest von Schleswig-Holstein von den Truppen seiner Kriegsgegner nahezu vollständig besetzt war und alle das Ende der Kampfhandlungen herbeisehnten. In einem Aufruf an das deutsche Volk tischte Dönitz die Lüge vom Heldentod des Führers ebenfalls auf. Der Einsatz Hitlers im Kampf gegen die „bolschewistische Sturmflut“ sei nicht nur ein Dienst für Deutschland gewesen, sondern habe auch “Europa und der gesamten Kulturwelt“ gegolten, behauptete er.

Der Mann hatte einen Riecher für die Zeichen der Zeit. Über den Kampf gegen das so genannte Weltjudentum, der für die Nationalsozialisten stets gleichrangig neben dem Kampf gegen Kommunismus und Bolschewismus stand, verlor Dönitz kein Wort. In einem Tagesbefehl vom 18. Mai 1945 lehnte er die Verantwortung der nationalsozialistischen Führung für die Vorgänge in den Konzentrationslagern ab. Das seien keine Staatsverbrechen, sondern normale juristische Fälle gewesen, die Einzeltätern anzulasten seien. Dennoch sorgte die von ihm eingesetzte Regierung vor. Ehe ihre Mitglieder am 23. Mai von den Alliierten verhaftet wurden, bekamen SS-Angehörige Personalpapiere der Kriegsmarine, um sie vor Verfolgung zu schützen. Seinem politischen Fanatismus hatte Dönitz bis dahin freien Lauf gelassen. Die wahre Volksgemeinschaft, die der Nationalsozialismus geschaffen habe, müsse erhalten werden, verlangte er. Der „Wahnsinn der Parteien wie vor 1933“ dürfe nicht wieder Platz greifen. Als einer der 24 deutschen Hauptkriegsverbrecher kam Dönitz vor das alliierte Militärtribunal in Nürnberg und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Seinem Ansehen tat das bei einem Großteil der Westdeutschen keinen Abbruch. Zu seinen Bewunderern gehörte auch der spätere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel (CDU), der sich als 19jähriger Schulsprecher und Vorsitzender der der CDU nahe stehenden Schülerunion dafür eingesetzt hatte, den ehemaligen Großadmiral im Januar 1963 zu einem Vortrag vor Schülern in das Gymnasium von Geesthacht bei Hamburg einzuladen. Dönitz rechtfertigte den Angriffskrieg Nazideutschlands unter anderem mit den Worten, man könne von einem Soldaten „ nicht erwarten, dass er bei Kriegsausbruch mit dem Fahrrad zum Auswärtigen Amt fahre, um durch Aktenstudium festzustellen, ob der begonnene Krieg ein Angriffskrieg sei“, wie in der „Geesthachter Zeitung“ zu lesen war. Die Schüler seien fasziniert und die Lehrer begeistert gewesen, referierte später „Spiegel Online“. Journalisten wollten von der schleswig-holsteinischen Landesregierung wissen, wie es passieren konnte, dass ein zu zehn Jahren Haft verurteilter Kriegsverbrecher vor Schülern ungefiltert seine Sicht der Dinge präsentieren durfte.

Die wusste darauf ebenso wenig eine plausible Antwort, wie die nordrhein-westfälische Landesregierung 1964 erklären konnte, weshalb dem wegen Auschwitzverbrechen zu sechs Jahren Haft verurteilten stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Ruhrchemie AG Oberhausen, Dr. Heinrich Bütefisch, das Große Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, ausgerechnet wenige Wochen nach Beginn des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt. Bütefisch bekam den Orden unter Verweis auf Verdienste um den Wiederaufbau. Hätte nicht eine in der Schweiz erscheinende jüdische Zeitung den Fall aufgegriffen, wäre der Fauxpas folgenlos geblieben; Bütefisch musste das Verdienkreuz zurückgeben.

Immer bedurfte es erst eines Anstoßes anderer, ehe die Politiker aufwachten und sich verwundert die Augen rieben. Einen ließen sie sein Leben lang im Regen stehen, den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Der von den Nazis verfolgte Jurist hatte 1960 einen Vortrag über die „Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ gehalten, dessen Text 1962 an den Schulen des Landes Rheinland-Pfalz nicht verteilt werden durfte. Der zuständige Kultusministers Eduard Orth hielt den Inhalt für „sachlich fragwürdig und von einseitiger Betrachtungsweise geprägt“. Dass zur selben Zeit an den Oberstufen der höheren Lehranstalten des Landes ein Geschichtsbuch im Gebrauch war, das die Vernichtung der Juden währen der NS-Zeit mit sieben Zeilen abtat, störte ihn nicht. Fritz Bauers Text ist nirgendwo in Deutschland käuflich zu erwerben. Selbst das nach Fritz Bauer benannte Institut hat es in den langen Jahren seines Bestehens nicht fertig gebracht, die Schrift neu zu verlegen.

Aber jetzt noch einmal zurück zu Karl Dönitz. Obwohl Bundesverteidigungsminister Hans Apel (SPD) 1980 entschieden hatte, dass die Beisetzung des verstorbenen ehemaligen Großadmirals ohne militärische Ehren zu erfolgen habe, nahmen Reserveoffiziere der Bundeswehr in Uniform an der Beerdigungsfeier teil. Als Apel gegen sie Disziplinarverfahren einleitete, wurde er heftig kritisiert. Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Friedrich Zimmermann, rühmte den Hitler-Nachfolger mit den Worten, Dönitz habe sich „in der Stunde der größten Not und Verzweiflung des deutschen Volkes bleibende Verdienste erworben“. An der Trauerfeier nahmen 5 000 Personen teil, von denen etwa tausend demonstrativ das ihnen von Hitler verliehene Ritterkreuz zu Schau trugen. Unter den Trauergästen soll sich, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 19. Oktober 2010 rückblickend schrieb, auch der CDU-Politiker Uwe Barschel befunden haben, damals Innenministers des Landes Schleswig-Holstein. Um nicht erkannt zu werden, habe er sich nach Angaben eines Zeitzeugen einen falschen Bart angeklebt. 1982 wurden neue Traditionslinien für die Bundeswehr in Kraft gesetzt. Sie bestimmen: „Ein Unrechtregime wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.“

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