Ratlos in der Zirkuskuppel (2)

Ratlos 2 Neu

Ratlos in der Zirkuskuppel (2)

Von Kurt Nelhiebel

Meine Abneigung gegen Europa als Institution hat ihre Gründe. Leider habe ich sie im ersten Teil meines Artikels nicht deutlich genug beschrieben. Ich habe nichts gegen Italiener und nichts gegen Franzosen, ich habe nichts gegen Dänen und nichts gegen Tschechen. Jedem Einzelnen von ihnen fühle ich mich mehr verbunden als den Deutschen, die sich zwar gegen die Kommunisten aufgelehnt haben, niemals aber gegen die Nazis. Immer habe ich mich jenen Europäern verbunden gefühlt, die unter Hitler gelitten und sich im Widerstand gegen den Faschismus zusammengefunden haben, mit Stefan Zweig und Kurt Tucholsky zum Beispiel, die sich aus Verzweiflung über ihre moralisch verkommenen Landsleute im Exil  das Leben genommen haben.

Was den Deutschen im Westen nach dem zweiten Weltkrieg als Europaidee offeriert wurde, war nur das Surrogat der ursprünglichen Idee von einem geeinten Europa, die nach dem ersten Weltkrieg die Herzen vieler Menschen bewegte. Die Sieger wollten Deutschland in einem geeinten Europa unter Kontrolle halten. Immer drückten sie beide Augen zu, wenn der lange Schatten der Leichenberge von  Auschwitz den schönen Schein der neuen Eintracht zu trüben drohte. Die einfachen Menschen hatten wenig von dieser Eintracht. Ohne Pass in ein benachbartes Land reisen zu können, ohne sich vorher eine andere Währung besorgen zu müssen – das waren die Brosamen, die vom europäischen Tisch für sie abfielen. Für die Besiegten war die Europaidee das Vehikel zur Rückkehr auf die Weltbühne und eine fabelhafte Gelegenheit, ihre Rolle als Herrenvolk zu übertünchen.

Das Bravourstück ist gelungen. Um mein Geburtsland, die von Hitler zerschlagene und 1945  wiedererstandene Tschechoslowakei abermals unter Kontrolle zu bekommen, bedurfte es nach der so genannten Wende im Osten keines neuen Münchner Abkommens und keines Einmarsches mehr – das Scheckbuch genügte. Es dauerte nicht lange, und über dem Hradschin in Prag flatterte symbolisch die D-Mark als Siegeszeichen, vor dem alle in die Knie gingen. Mittlerweile sind fast alle tschechischen Zeitungen in deutscher Hand, und ein Teil meiner alten tschechischen Landsleute – Gott sei’s geklagt – macht gemeinsame Sache mit jenen antikommunistischen Eiferern, die Europa eine vereinheitlichte Erinnerung verordnen möchten, in deren Nebel die Erinnerung an die Naziherrschaft verblasst und versinkt. Im Hauruckverfahren beschloss das Europäische Parlament einen gemeinsamen Gedenktag für die Opfer Hitlers und Stalins. Die Mörder und die Bewacher  von Auschwitz auf Augenhöhe mit den Befreiern von Auschwitz! Was für moralischer Bankrott.

Das ist es, weshalb mir die EU-Oberen gestohlen bleiben können. Das meinte ich, als ich schrieb, man könne nicht alle Europäer über einen Leisten ziehen. Weil ein Mitgliedsland die EU verlassen will, gebärden sich die Wortführer Europas, als stünde der Weltuntergang unmittelbar bevor. Ist das europäische Haus wirklich so miserabel konstruiert, dass Einsturzgefahr droht, wenn eines von 28 Mitgliedsländern sich verabschieden möchte? Aus allen Ecken tönt es: Jetzt müssen wir ganz fest zusammenstehen, und, ja, natürlich muss Einiges verbessert werden. Was genau? Ich wüsste es gern. Die arbeitslosen Jugendlichen in Griechenland und in Spanien würden sich  freuen, wenn der Jammer für sie ein Ende nähme. Derweil streichen die Urheber ihres Elends weiter ihre Boni ein und lachen sich zusammen mit anderen ins Fäustchen, dass so viele brave Bürger die Niederlage der Versager von Brüssel als ihre eigene empfinden.

 

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