Ratlos in der Zirkuskuppel

 

 

Ratlos in der Zirkuskuppel

 

Zum Echo auf das Votum der frechen Briten

 

Kurt Nelhiebel

 

Auch das gehört dazu: Was wir gemeinhin als England bezeichnen, ist nur ein Teil jenes Landes, von dem jetzt so viel die Rede ist. Jetzt lernen wir, dass es neben den Engländern auch Schotten und Walliser gibt. Ich habe viel geschrieben im Laufe meines Lebens, aber nie eine Zeile über England. Auch nicht über Europa, das in meinem Herzen niemals richtig Wurzeln geschlagen hat. Europa als meine Heimat zu bezeichnen, auf diesen Gedanken bin ich noch niemals gekommen. Auch mit dem so genannten europäischen Gedanken kann ich wenig anfangen. Dafür sind mir die Europäer doch zu verschieden. Die einen meinen, sie lebten, um zu arbeiten, während die anderen sagen, sie arbeiteten um zu leben. Schon die uns so nahe stehenden Österreicher, die dieselbe Sprache sprechen wie wir, haben eine andere Lebensart. Wer auch nur einmal seinen Urlaub in Österreich verbracht hat, konnte sich davon tagtäglich überzeugen. Nur im Arbeitseifer sind wir uns ähnlich, und in der Anfälligkeit für rechte Parolen. Hitler war ein gebürtiger Österreicher.

Die Menschen in Europa lassen sich nicht über einen Leisten ziehen, auch nicht im Umgang mit Geld. Für die Deutschen, oder besser gesagt für einen Teil der Deutschen, ist Sparen ein Lebenszweck. Die schwarze Null hat für Wolfgang Schäuble eine andere Bedeutung, als für die Finanzminister in Griechenland oder Frankreich. Die Engländer „ticken“ anders als die Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals, obwohl sie viel Gemeinsames haben. Beide lassen sich nicht gern von anderen vorschreiben, was sie für gut und was sie für schlecht zu halten haben. Da liegt ein Teil der Gründe für die starke Resonanz rechtspopulistischer Parteien, aber auch in der großen Zahl von Zuwanderern, die viele Menschen in ihrer Sorge vor Fremdbestimmung bestärkt. Die daraus resultierenden Affekte richten sich weniger gegen die Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, als vielmehr gegen die nationalstaatlichen bzw. europäischen Institutionen und ihre Unfähigkeit, den Zuwandererstrom zu kanalisieren.

EU-Skeptiker mit Rassisten und Nationalisten in einen Topf zu werfen, wie das die CDU-Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann getan hat, oder den Befürwortern des britischen Austritts aus der EU zu unterstellen, sie seien „verängstigt, böse und ausländerfeindlich“, wie sich der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Dennis Snower, vernehmen ließ, ist nicht nur ungerecht, sondern ignoriert auch die mannigfaltigen Ursachen des Missvergnügens von Millionen Menschen an der EU. Die verschiedentlich beschworenen Untergangsszenarien haben wohl eher etwas mit Enttäuschung darüber zu tun, dass etwas passiert ist, was viele für undenkbar hielten, als mit der tatsächlichen Situation.

Die Briten trotzig zu beschimpfen, weil sie das Heft des Handelns in der Hand behalten wollen, führt keinen Schritt weiter. Schließlich haben sie nur von einem Recht Gebrauch gemacht, das ihnen zusteht. „Jeder Mitgliedsstaat kann im Einklang mit seinen verfassungsrechtlichen Vorschriften beschließen, aus der Union auszutreten.“ So lautet der erste Satz des Artikels 50 des EU-Vertrages. Das Referendum hat die Spaltung des Landes nicht herbeigeführt, sondern es nur sichtbar gemacht. In allen EU-Ländern geht ein Riss durch die Bevölkerung. Ähnliches gilt für die populistischen Bewegungen in nahezu allen Mitgliedsstaaten. Sie sind nicht ursächlich für diesen Riss, sondern spiegeln ihn nur wider.

Was die Folgen des Votums der britischen Wähler angeht, so kann niemand zuverlässig sagen, was tatsächlich passieren wird. Nicht einmal die Experten sind sich einig. Die einen sagen, dass es die Automobilindustrie besonders hart treffen wird, während die anderen nur geringe Auswirkungen auf diesen Industriezweig erwarten. Der Chef des österreichischen Stahlkonzerns Voest Alpine, Wolfgang Eder, meint, im Wesentlichen werde sich der britische Austritt auf den Finanzmarkt auswirken, und „keineswegs bei der Industrie“. Zwischen britischen und europäischen Unternehmen gebe es stabile Beziehungen, „die sich ja nicht einfach in Luft auflösen werden“, wie die Süddeutsche Zeitung am 27. Juni in ihrem Wirtschaftsteil zu berichten wusste. Andere Beobachter kommen zu dem Schluss, der Ausgang des Referendums zeuge mehr von der Entfremdung „von Volk und Elite“ durch die Entfesselung der Finanzmärkte und den sozialen Folgen der Sparpolitik, als vom Unbehagen über die Fremdbestimmung durch die EU-Kommission in Brüssel.

Die angeblich von den älteren Wählern übervorteilten und von vielen bedauerten jungen Wähler haben sich selbst kein gutes Zeugnis ausgestellt. In keiner Bevölkerungsgruppe war die Wahlbeteiligung geringer, als bei den 18- bis 24Jährigen. Da nutzt es wenig,  zu jammern und darauf abzuheben, dass sich 75 Prozent der Jungwähler für den Verbleib in der EU ausgesprochen haben. Mehr politisches Engagement stünde den jungen Menschen sowohl in England als auch anderswo gut zu Gesicht, zumal da sie von der Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich betroffen sind. Aber auch die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sollte in sich gehen. Statt die Briten zu schelten, wie am Sonntag im Fernsehen bei Anne Will, sollte sie nicht nach mehr Geld für militärische Zwecke rufen, sondern der Bildung und der Schaffung von Arbeitsplätzen den Vortritt lassen, auch wenn das der publizistischen Selbstinszenierung  nicht so zustatten kommt.

 

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