Abgang eines Eiferers

 

Was Joachim Gauck schon alles gesagt und was er nicht gesagt hat

 

Kurt Nelhiebel

 

Ja, er hat viel Richtiges gesagt, aber auch viel Falsches. Manches allerdings hat er niemals überhaupt gesagt, obwohl er es hätte sagen sollen, so zum Beispiel den Satz: Demnächst werde ich nach Moskau reisen. Das Land zu besuchen, das am schlimmsten unter der deutschen Knute gelitten hat, das brachte er nicht übers Herz. Wie ein Brennglas bündelt die Weigerung Joachim Gaucks, sich wie einst Willy Brandt in Demut vor den Opfern deutscher Brutalität  zu verneigen, die Geisteshaltung eines Mannes, der eine Begebenheit aus Kindertagen anscheinend zum Fixpunkt seines Lebens gemacht hat. Sein Vater musste wegen seiner Nazivergangenheit einige Jahre in einem sibirischen Arbeitslager verbringen. Das machte ihn, der als Pfarrer dem Gedanken der Versöhnung zugeneigt sein sollte, zum politischen Eiferer, der sich immer dann engagierte, wenn es darum ging, die von Thomas Mann als Menschheitsidee bezeichnete kommunistische Idee mit der verbrecherischen Nazi-Ideologie zu vergleichen.

 

Als  2008 antikommunistische Dissidenten  aus Osteuropa in Prag eine „Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus“ beschlossen, war Joachim Gauck als einer der Erstunterzeichner sofort zur Stelle.  Die Willensbekundung verlangt unter anderem eine Änderung der Schulbücher und einen gemeinsamen Tag des Gedenkens an die Opfer Hitlers und Stalins. Als Gedenktag wurde der 23. August gewählt, der Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939. Noch im selben Jahr entsprach das Europäische Parlament dem Drängen ohne lange Beratung im Schnelldurchgang.

 

2006 nahm Gauck die ehemalige lettische Außenministerin und EU-Kommissarin Sandra Kalniete in Schutz, nachdem sie auf der Leipziger Buchmesse mit ihrer Aussage, Nationalsozialismus und Kommunismus seien gleichermaßen kriminell gewesen, einen Eklat verursacht hatte. Salomon Korn und andere Vertreter des Zentralrates der Juden in Deutschland verließen die Veranstaltung unter Protest. Korn begründete seinen Weggang  mit den Worten, man dürfe nicht den Nationalsozialismus, der 48 Millionen Menschen das Leben gekostet habe, mit dem Kommunismus gleichsetzen. In einer Rede zum Thema „Welche Erinnerungen braucht Europa?“ stieß sich Gauck daran, dass man Sandra Kalniete  barsch entgegengehalten habe, sie solle zuvörderst der Helfer der Nazis gedenken, die bei der Judenvernichtung mitgewirkt hätten. „Ich kann mich nicht daran erinnern“, sagte er, „dass man Frankreich vom Ausland aus seinerzeit so auf Vichy angesprochen hat.“ Das Frankreich der Nachkriegszeit habe „sich selbst seine Resistance“ geglaubt und danach mit der „Bearbeitung der lange verdrängten Kollaboration“ begonnen.

 

Diese Brüskierung Frankreichs hätte Joachim Gauck eigentlich für ein hohes Staatsamt disqualifizieren müssen. Stattdessen wurde er kurz danach von SPD und Grünen als Kandidat für das Präsidentenamt nominiert und  2012 tatsächlich in das höchste Staatsamt gewählt. Schon im Jahr darauf fühlt Gauck sich berufen, Thomas Manns „Diktum“ vom Antikommunismus als Grundtorheit der Epoche zu entsorgen. Das stamme aus der Zeit des Kalten Krieges. Es gebe auch einen anderen Antikommunismus, der aus Leid und Erfahrung entstanden sei. Für ihn und unzählige Menschen in Mittel- und Osteuropa, so Gauck am 17. Juni 2013, sei „dieser aufgeklärte Antikommunismus nicht nur ein Erfordernis zur Verteidigung unserer politischen Kultur, sondern auch – als Empathie mit den Opfern – ein Gebot des Humanismus.“

 

Das hinderte ihn nicht, später zu erklären: „Wir werden nicht zulassen, dass das Wissen um die besondere historische Verantwortung Deutschlands verblasst.“  Gauck sagte das 2015 zum 50jährigen Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Im selben Jahr war Gauck als Staatsgast in Israel. Wird er sich während seiner verbleibenden Amtszeit vielleicht doch noch zu einem Besuch Russlands entschließen? „Ihre Haltung gegenüber der russischen Regierung ist bekanntermaßen kritisch. Nach Moskau dürften Sie nicht mehr eingeladen werden. Bedauern Sie das?“ hatte die Süddeutsche Zeitung vom 2./.3. Mai 2015 den Bundespräsidenten gefragt: Seine Antwort: „Anders als manche Beobachter mutmaßen, habe ich überhaupt kein Problem mit Russland und seinen Menschen.“  Mal sehen, was daraus wird.

 

Aus „Weltexpresso“ 2016

 

 

 

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