Heimat

 

Conrad Taler

 

Im Grenzgebiet zwischen dem österreichischen Bundesland  Kärnten und Slowenien, das nach dem Ersten Weltkrieg heftig umkämpft war,  kam ich vor Jahren während des Urlaubs gelegentlich an einem abgelegenen Haus vorbei, über dessen Eingangstür in großen ungelenken Buchstaben „Heimat – heiliges Wort“ stand. Mich hat diese Inschrift jedes Mal tief berührt und an meine böhmische Heimat erinnert, die ich nach dem Zweiten Weltkrieg gegen meinen Willen verlassen musste. Von Schmerz gepackt schrieb ich nach einem letzten Spaziergang auf vertrauten Wegen in mein Tagebuch: „Heimat – teure Heimat, Dein Bild wird mich immer begleiten.“ Damals war ich Achtzehn, jetzt bin ich Neunzig, aber das Bild der Heimat hat mich niemals verlassen. Ich ziehe es wie an einer Nabelschnur hinter mir her.

 

„Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ fragte der von den Nazis vertriebene Schriftsteller Jean Améry nach seiner Rückkehr, und er antwortete: „Umso mehr, je weniger davon er mit sich tragen kann.“ Bin ich von vorgestern, dass es mich zum Widerspruch reizt, wenn ich im linken „Neue Deutschland“ die Überschrift „Heimatgedampfe“ lese?  Die Zeitung bezog sich damit auf die jüngste Debatte zum Thema Heimat. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte sie am diesjährigen Tag der deutschen Einheit angestoßen. Er sagte unter anderem: „Wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat.“  Diese Sehnsucht dürfe nicht den Nationalisten überlassen werden. Heimat sei der Ort, der die Menschen über die Mauern ihrer Lebenswelten hinweg verbinde. Ein demokratisches Gemeinwesen brauche so einen Ort. Was gibt es daran auszusetzen?

 

Der Missbrauch der Heimatliebe zu politischen Zwecken darf nicht dazu führen, sie für alle Zeit als Tabuthema zu behandeln. Wer von Heimat nur mit herabgezogenen Mundwinkeln spricht, treibt Menschen, die sich in ihrer Existent bedroht fühlen, auf direktem Weg in die Arme von Leuten, die ihnen Schutz und Geborgenheit versprechen und dabei nicht anderes im Sinn haben, als ihren Wahn von deutscher Großmachtherrlichkeit. Kurt Tucholsky hat sich vier Jahre vor der Machtübernahme durch die Nazis leidenschaftlich dagegen gewandt, die Liebe zur Heimat zu verleugnen und sie der politischen Rechten zur Ausbeutung zu überlassen.

 

„Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: Es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zur berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitsliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ‚Deutschland’ gedacht wird…Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.“

 

Im Nachhinein klingen diese Zeilen wie ein Verzweiflungsschrei. Im selben Jahr 1929, in dem Tucholsky das schrieb, kehrte er Deutschland den Rücken und suchte Zuflucht in Schweden; sechs Jahre später nahm er sich dort das Leben. „Das Gastland kann die Heimat nie ersetzen, hat mich sein Frieden freundlich auch bedacht“, heißt es in einem Gedicht des aus Deutschland vertriebenen Lyrikers Max Hermann-Neisse. Else Lasker-Schüler kleidete ihr Heimweh im Jerusalemer Exil in die Worte: „Es kommt der Abend und ich tauche in die Sterne, dass ich den Weg zur Heimat im Gemüte nicht verlerne, umflorte sich auch längst mein armes Land.“  Louis Fürnberg, mit dessen Namen ehemalige DDR-Bürger nur das Lied „Die Partei hat immer recht“ verbinden, schrieb nach seiner Vertreibung aus der böhmischen Heimat: „Die Straßen, die im Traum ich seh, die Wege, die ich wachend geh, sie führen alle heim.“ Und an anderer Stelle: „Fern sind wir, doch nimmermehr vertrieben. Wo wir sind, wir sind daheim geblieben.“

 

Heimatliebe ist nicht das Vorrecht von Leuten, die sich national nennen und dabei – wie Thomas Mann sich ausdrückte – nur „Dunst und Dusel, das faule, wehleidige, brutale ‚Gemüt’ im Sinn haben“. Sie ist nicht gleichbedeutend mit Weltabgewandtheit und Feindschaft gegenüber Menschen anderer Sprache oder Hautfarbe. Heimatliebe ist Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit und Frieden. Das ist es wohl, weshalb mir die Inschrift an dem abgelegenen Haus in Kärnten nicht aus dem Sinn geht.

 

(„Ossietzky“, 22/2017)

 

 

 

 

 

 

 

 

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