Über das Erinnern im Alter

 

Zu Claudia Schulmerichs Filmkritik „Das Leuchten der Erinnerung“

 

Kurt Nelhiebel

 

Bremen (Weltexpresso) – Jedes Mal schwanke ich, ob ich mir einen Film über das Älterwerden oder das Altsein ansehen soll oder nicht. So auch bei dem Film „Das Leuchten der Erinnerung“, den Claudia Schulmerich an dieser Stelle eindrucksvoll besprochen hat. Wie man sich fühlt, wenn die Kräfte nachlassen, muss ich mir nicht auf der Leinwand ansehen. An den Tölpeleien alter Menschen kann ich mich nicht ergötzen, und dass Andere nicht besser dran sind als ich, tröstet mich nicht.

Alte Dias ansehen könnte vielleicht Spaß machen. Aber die Zeugen einer versunkenen Zeit liegen gut aufbewahrt irgendwo in einer Ecke. Allein der Gedanke, auf dem staubigen Dachboden nach ihnen suchen zu müssen, sie in das Magazin des Vorführgerätes einzusortieren, das Gestell für die Leinwand auseinander zu klappen und dann auch noch das Zimmer zu verdunkeln, vertreibt mir die Lust dazu. Selbst wenn ich mich überwinden könnte – würden mich die Bilder aus meinem früheren Leben mit Frau und Kindern nicht wehmütig stimmen?  Aber eines Tages, dessen bin ich mir sicher, werde ich sie hervorkramen.

Leuchtet die Erinnerung wirklich?  Manches bleibt doch besser in der Versenkung. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“, heißt es in der „Fledermaus“ von Johann Strauß, die man kaum noch hört. Auf  ein erfülltes Leben zurückblicken zu können, macht die Sache nicht besser. Davon lässt weder der Schmerz im Knie und im Rücken nach,  geschweige denn die Trauer um ein verlorenes Kind oder um den Menschen, mit dem man ein Leben lang Tisch und Bett geteilt hat. Andererseits – als ich erstmals nach Jahrzehnten  meine alte Heimat wiedersah, schrieb ich am Schluss:

 

„Nirgendwo sonst entflammt der September das Ahornlaub so in leuchtendem Rot, verströmt so verschwenderisch die Erde ihr Blut  an den herbstlichen Himmel. Wie in der Dünung eines gütigen Ozeans wiegen rostfarbene Felder sich von Hügel zu Hügel und der frische Acker duftet wie in den Tagen der Kindheit. Behutsam legt die Erinnerung ihren Arm um mich und lässt mich die Kälte des Abschieds vergessen.“

 

Wenn das Leben liebeleer wird, wenn das Begehren schwindet und die Angst vor dem eigenen Tod von der Angst verdrängt wird, einem nahe stehenden Menschen damit wehtun zu müssen, dann wird es zappenduster. Dann bleibt einem wirklich nur noch die Arbeit. Sie ist  die einzige wahre verlässliche Trösterin. Aber verstehen die Mitmenschen auch, warum einer in vorgerücktem Alter immer noch meint, das Zeitgeschehen kommentieren zu müssen? Sind seine Ansichten nachvollziehbar für Menschen, die mit ganz anderen Bildern von der Welt  ins Leben hineingewachsen sind?

Nur wer die Gräuel der Nazizeit bewusst miterlebt hat, wird sofort verstehen was gemeint ist, wenn ich sage: Wer weiß, was in Auschwitz geschah, ist für immer gegen den Naziungeist gefeit.  Aber wem leuchtet die Erinnerung an Auschwitz heute noch auf dem Weg der Erkenntnis?  Die Hügel über den Opfern werden flacher. Auf den Gräbern blühen die Blumen von heute und nicht mehr die Rosen von gestern. Die Welt dreht sich weiter. „Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren, haschten nach Schattenkünsten und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten und waren vielleicht doch glücklich.“ (Heinrich Heine, 1846, Brief an Karl August Varnhagen von Ense).

 

Bin ich noch auf der Höhe der Zeit, dass ich nicht weiß, was unter einer „übergriffigen Situation“ zu verstehen ist, von der Claudia Schulmerich in ihrer Filmkritik spricht?  Ich muss da vermutlich die eine oder andere Einschränkung machen. Was das große Ganze betrifft, habe ich meine Sinne noch beisammen. Noch halte ich es mit Stefan Zweig, der da meinte, dass sich gerade die unerfüllten Ideale als die unüberwindlichsten erweisen. „Nur Ideale, die sich nicht durch Realisierung verbraucht oder kompromittiert haben, wirken in jedem neuen Geschlecht als Element sittlichen Antriebs fort.“ (Stefan Zweig, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam).  Vielleicht sollten wird das mit dem Leuchten nicht allzu ernst nehmen. Hoch genug gestellt kann auch ein kleines Licht weit leuchten.

 

(Weltexpresso, 6. 1. 2018)

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Mit Heinrich Heine ins neue Jahr

Wie man als Journalist einseitigen Irrtümern entgeht

 

Conrad Taler

 

Bremen (Weltexpresso) – Im Grunde ist es ja peinlich. Seit Monaten wartet Europa, oder das, was Brüssel darunter versteht,  sehnsüchtig auf  Führung  durch Deutschland, aber hundert Tage nach einer ganz normalen Parlamentswahl ist Deutschland immer noch ohne eigene neue Führung. Dabei kann es vor Kraft kaum noch laufen. Die Wirtschaft brummt und die Steuereinnahmen sprudeln wie lange nicht.

 

Anscheinend haben die Hauptbeteiligten Angst vorm Regieren. Es ist ja nicht so, dass nur die Sozialdemokraten mit schlotternden Knien in die Sondierungsgespräche über eine neue Regierung gehen. Auch die Unionsparteien haben die nächsten Wahlen im Blick. Die CSU muss befürchten, dass ihr die AfD bei der bevorstehenden Landtagswahl weitere Wähler abspenstig macht, und die CDU blickt sorgenvoll auf den nachlassenden Glanz ihrer Strahlefrau Angela Merkel. Von einer zündenden Idee weit und breit keine Spur. Zumindest in diesem Punkt herrscht Einigkeit, wenn auch mit Abstrichen.

 

Alle fühlen sich aufgehoben in einer Wertegemeinschaft. Früher verstand man darunter die Freiheit. Aber auch die liebt jeder auf seine Weise, wie Heinrich  Heine bemerkte, als er sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach England begab. „Es war nicht die Angst, die mich wegtrieb“, bekannte er später, „sondern mehr das Klugheitsgesetz, das jedem rät, nichts zu riskieren, wo gar nichts zu gewinnen ist.“ In seinen „Englischen Fragmenten“ schreibt er: „Es lässt sich nicht leugnen, dass auch die Deutschen die Freiheit lieben. Aber anders als andere Völker“. Weiter heißt es:

 

„Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie  auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach drängt – sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine Großmutter . . .“

 

„Der spleenige Brite, seines Weibes überdrüssig, legt ihr vielleicht einst den Strick um den Hals und bringt sie zum Verkauf nach Smithfield. Der flatterhafte Franzose wird seiner geliebten Braut vielleicht treulos und verlässt sie und tänzelt singend nach den Hofdamen seines königlichen Palastes. Der Deutsche wird aber seine alte Großmutter nie ganz vor die Türe stoßen, er wird ihr immer ein Plätzchen am Herde gönnen, wo sie den horchenden Kindern ihre Märchen erzählen kann . . .“

 

Kehren wir zurück an den Ausgangspunkt. Was den Verfasser diese Zeilen betrifft, nimmt er sich – und vielleicht sollten das alle Angehörigen der schreibenden Zunft tun –  Heinrich Heine zum Vorbild, der 1832 in seinem Traktat „Französische Zustände“ bekannte: „Nicht den Werkstätten der Parteien will ich ihren banalen Maßstab entborgen, um Menschen und Dinge damit zu messen, noch viel weniger will ich Wert und Größe derselben nach träumenden Privatgefühlen bestimmen, sondern ich will soviel als möglich parteilos das Verständnis der Gegenwart befördern und den Schlüssel der lärmenden Tagesrätsel zunächst in der Vergangenheit suchen. Die Salons lügen, die Gräber sind wahr. Einseitigen Irrtümern kann man nicht entgehen, wenn man der einen oder der anderen Partei nahe steht; jede täuscht uns, ohne es zu wollen . . . Sind wir selber vielleicht so indifferenter Natur, dass wir, ohne sonderliche Vorneigung, mit allen Parteien beständig verkehren, so verwirrt uns die süffisante Sicherheit, die wir bei jeder Partei erblicken, und unser Urteil wird aufs unerquicklichste neutralisiert . . .“

 

(Weltexpresso, 31. 12. 2017)