Mit Heinrich Heine ins neue Jahr

Wie man als Journalist einseitigen Irrtümern entgeht

 

Conrad Taler

 

Bremen (Weltexpresso) – Im Grunde ist es ja peinlich. Seit Monaten wartet Europa, oder das, was Brüssel darunter versteht,  sehnsüchtig auf  Führung  durch Deutschland, aber hundert Tage nach einer ganz normalen Parlamentswahl ist Deutschland immer noch ohne eigene neue Führung. Dabei kann es vor Kraft kaum noch laufen. Die Wirtschaft brummt und die Steuereinnahmen sprudeln wie lange nicht.

 

Anscheinend haben die Hauptbeteiligten Angst vorm Regieren. Es ist ja nicht so, dass nur die Sozialdemokraten mit schlotternden Knien in die Sondierungsgespräche über eine neue Regierung gehen. Auch die Unionsparteien haben die nächsten Wahlen im Blick. Die CSU muss befürchten, dass ihr die AfD bei der bevorstehenden Landtagswahl weitere Wähler abspenstig macht, und die CDU blickt sorgenvoll auf den nachlassenden Glanz ihrer Strahlefrau Angela Merkel. Von einer zündenden Idee weit und breit keine Spur. Zumindest in diesem Punkt herrscht Einigkeit, wenn auch mit Abstrichen.

 

Alle fühlen sich aufgehoben in einer Wertegemeinschaft. Früher verstand man darunter die Freiheit. Aber auch die liebt jeder auf seine Weise, wie Heinrich  Heine bemerkte, als er sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach England begab. „Es war nicht die Angst, die mich wegtrieb“, bekannte er später, „sondern mehr das Klugheitsgesetz, das jedem rät, nichts zu riskieren, wo gar nichts zu gewinnen ist.“ In seinen „Englischen Fragmenten“ schreibt er: „Es lässt sich nicht leugnen, dass auch die Deutschen die Freiheit lieben. Aber anders als andere Völker“. Weiter heißt es:

 

„Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie  auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach drängt – sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine Großmutter . . .“

 

„Der spleenige Brite, seines Weibes überdrüssig, legt ihr vielleicht einst den Strick um den Hals und bringt sie zum Verkauf nach Smithfield. Der flatterhafte Franzose wird seiner geliebten Braut vielleicht treulos und verlässt sie und tänzelt singend nach den Hofdamen seines königlichen Palastes. Der Deutsche wird aber seine alte Großmutter nie ganz vor die Türe stoßen, er wird ihr immer ein Plätzchen am Herde gönnen, wo sie den horchenden Kindern ihre Märchen erzählen kann . . .“

 

Kehren wir zurück an den Ausgangspunkt. Was den Verfasser diese Zeilen betrifft, nimmt er sich – und vielleicht sollten das alle Angehörigen der schreibenden Zunft tun –  Heinrich Heine zum Vorbild, der 1832 in seinem Traktat „Französische Zustände“ bekannte: „Nicht den Werkstätten der Parteien will ich ihren banalen Maßstab entborgen, um Menschen und Dinge damit zu messen, noch viel weniger will ich Wert und Größe derselben nach träumenden Privatgefühlen bestimmen, sondern ich will soviel als möglich parteilos das Verständnis der Gegenwart befördern und den Schlüssel der lärmenden Tagesrätsel zunächst in der Vergangenheit suchen. Die Salons lügen, die Gräber sind wahr. Einseitigen Irrtümern kann man nicht entgehen, wenn man der einen oder der anderen Partei nahe steht; jede täuscht uns, ohne es zu wollen . . . Sind wir selber vielleicht so indifferenter Natur, dass wir, ohne sonderliche Vorneigung, mit allen Parteien beständig verkehren, so verwirrt uns die süffisante Sicherheit, die wir bei jeder Partei erblicken, und unser Urteil wird aufs unerquicklichste neutralisiert . . .“

 

(Weltexpresso, 31. 12. 2017)

 

 

 

 

 

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