Oktober 1938 – Hitler besetzt das Sudetenland – Vorspiel des Zweiten Weltkrieges

Oktober 1938

 

Hitler besetzt das Sudetenland – Vorspiel des Zweiten Weltkrieges

 

Von Kurt Nelhiebel

 

Im September 1938 saß ich als Elfjähriger in meinem böhmischen Heimatort Adamstal zwischen Erwachsenen vor dem Radioapparat eines Nachbarn. Sie hatten sich versammelt, um Hitlers Rede auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg zu verfolgen. Ich verstand nur wenig von dem Geschrei, das krächzend aus dem Lautsprecher drang, aber an den Gesichtern der Erwachsenen konnte ich ablesen, dass die Lage ernst war. Der Konflikt um die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei beschäftigte ja längst auch die internationale Politik. Besorgt hatte der konservative britische Premierminister Neville Chamberlain im Mai 1937 dem amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau geschrieben:

 

„Die wilde Propaganda, die von der deutschen Presse und dem Radio fortwährend betrieben wird, und die Intensität und Beständigkeit der deutschen militärischen Vorbereitungen, zusammen mit vielen Tatbeständen des Vertragsbruchs durch die deutsche Regierung, die zynisch damit begründet werden, dass einseitiges Vorgehen der schnellste Weg sei, um zu erreichen, was man wolle, haben alle seine Nachbarn mit einer tiefen Unruhe erfüllt.“

Hitlers Rede in Nürnberg bestätigte die Befürchtungen. Im vertrauten Kreis hatte er bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geäußert, die Tschechen müssten heraus aus Europa, damit Platz geschaffen werde für deutsche Bauern.

 

Das Unvermögen der tschechischen Regierung, den drei Millionen Deutschen im Lande über die formale Gleichberechtigung hinaus ein Gefühl des Zuhauseseins zu geben, kam Hitlers Absichten entgegen. Um was es ging, beschrieb der französische Historiker Jacques Benoist-Méchin mit folgenden Worten: „Der Streit der Sudetendeutschen mit der Prager Regierung sollte Hitler als Tarnung dienen für einen viel weiter gehenden Plan, dessen wirkliches Ziel die Zerstörung der Tschechoslowakei war. Die nächste Etappe seiner Eroberungspläne war das Schleifen dieser Festung. Er wollte diesen Riegel aufsprengen, der ihm den Zugang zu den rumänischen Erdölfeldern, zu den Getreidefeldern der Ukraine und – noch mehr – zu den ungeheuren Weiten des Ostens versperrte, die er schon mit hundert Millionen Menschen germanischer Abstammung bevölkert sah.“

 

Als Hitler daran ging, den Streit auf seine Weise aus der Welt zu schaffen, lagen hunderte von Jahren des Zusammenlebens hinter Deutschen und Tschechen in Böhmen und Mähren. Der tschechische Historiker František Palacký schrieb 1836 den ersten Band seiner „Geschichte Böhmens“ auf Deutsch. Er verlangte, von Karl Marx und Friedrich Engels verspottet, für die kleineren slawischen Völker ein Leben zwischen den Blöcken des Pangermanismus und des Panslawismus. Nach der Niederlage Deutschlands und Österreichs im Ersten Weltkrieg gründeten Tschechen und Slowaken mit Unterstützung der Siegermächte einen eigenen Staat   mit drei Millionen Deutschen als Beigabe. Damit wurde ihm ein Problem in die Wiege gelegt, das nicht ohne Folgen bleiben sollte.

 

Dem Gründungspräsidenten der Tschechoslowakischen Republik Thomas Masaryk schwebte ein Zusammenleben im Geiste des Humanismus vor, aber auf beiden Seiten fehlten dafür die Voraussetzungen. Die Wortführer der einen hatten keine Erfahrung im Umgang mit staatlicher Macht, die anderen wollten nicht akzeptieren von Angehörigen eines für minderwertig gehaltenen „Dienstbotenvolkes“ regiert zu werden. Wie Mehltau legte sich emotionaler Nationalismus über das Land. Die von der Reichsregierung in Berlin unter Führung der NSDAP gesteuerte Sudetendeutsche Partei gab sich zunächst gemäßigt, schraubte ihre Forderungen gegenüber der Regierung in Prag aber immer höher. Nachdem Hitler im März 1938 sein Geburtsland Österreich unter dem Jubel der meisten seiner Bewohner „heimgeholt“ hatte, verlangte er nun die Herausgabe des so genannten Sudetenlandes, also der deutsch besiedelten Randgebiete der Tschechoslowakei. Die Deutschen in diesen Gebieten begrüßten das mehrheitlich heißen Herzens. Begeistert sangen sie „Deutschland, Deutschland über alles“, nachdem ihre Kinder mit der tschechischen Nationalhymne  und deren deutschem Text herangewachsen waren:

 

 

Wo ist mein Heim, mein Vaterland?

Wo durch Wiesen Bäche brausen,

wo auf Felsen Wälder rauschen,

wo ein Eden uns entzückt,

wenn der Lenz die Fluren schmückt.

Dieses Land, so schön vor allen,

Böhmen ist mein Vaterland.

 

Die Zweisprachigkeit überdeckte den schwelenden Konflikt nur dürftig. Anders als die deutsch-völkische Propaganda behauptet, hatte er nicht so sehr ethnische, sondern hauptsächlich soziale Ursachen, weitgehend bedingt durch die verbreitete Arbeitslosigkeit im Gefolge der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre. Die Sudetendeutsche Partei unter ihrem Anführer Konrad Henlein machte die tschechische Regierung für  die Notlage verantwortlich und brachte damit 1935 bei einer Parlamentswahl 65 Prozent der deutschen Wähler hinter sich. Überrascht vom eigenen Erfolg schickte Henlein eine Ergebenheitsadresse an den tschechischen Staatspräsidenten. Bei der Kommunalwahl im Mai 1938 stimmten die Sudetendeutschen zu 90 Prozent für die Partei Henleins. Als Gauleiter der NSDAP bekannte er später triumphierend: „Um uns vor tschechischer Einmischung zu schützen, waren wir gezwungen zu lügen und unsere Ergebenheit gegenüber dem Nationalsozialismus zu leugnen. Lieber hätten wir uns offen zum Nationalsozialismus bekannt. Es ist jedoch eine Frage, ob wir dann imstande gewesen wären, unsere Aufgabe zu erfüllen – die Tschechoslowakei zu vernichten.“

 

In seiner Rede vom 12. September 1938 auf dem Parteitag in Nürnberg hatte Hitler tschechische Verständigungsangebote höhnisch zurückgewiesen. „Herr Beneš hat den Sudetendeutschen keine Geschenke zu geben“, sagte er. „Sie haben das Recht, ein eigenes Leben zu beanspruchen. Wenn die Demokratien aber der Überzeugung sein sollten, die Unterdrückung der Deutschen beschirmen zu müssen, dann wird dies schwere Folgen haben.“ Unter dem Eindruck der Drohungen Hitlers schlug der britische Premier Neville Chamberlain König Georg VI. vor, in direktem Gespräch mit dem deutschen Reichskanzler eine gemeinsame Regelung der „tschechischen Frage“ anzustreben. Dann könnten Deutschland und Großbritannien zusammen als Stützen gegen den Kommunismus zusammenstehen.

 

Davor hatte der französische Außenminister Ivon Delbos der tschechischen Regierung bereits zu verstehen gegeben, dass sein Land, ebenso wie Großbritannien, die Sudetenfrage erledigt sehen möchte. Unter Druck gesetzt bot die tschechische Regierung den Sudetendeutschen schließlich Selbstverwaltung an. Eine volle politische Autonomie sei technisch nicht möglich, erklärte der damalige Regierungschef Milan Hodža. Die deutsch besiedelten Gebiete seien nicht homogen, stellten also kein einheitliches Ganzes dar. Politisch sei eine Autonomie nicht zu vertreten. Dadurch würde der Staat unangemessen geschwächt. Der deutschen Bevölkerung einmal gewährt könnte sie den Ungarn kaum vorenthalten werden. Als Präsident  Beneš weitere Zugeständnisse machte, trat die Regierung unter dem Eindruck massiver Proteste der tschechischen Nationalisten und der Kommunisten geschlossen zurück.

 

Zu den westlichen Politkern, die die Aussicht auf eine gütliche Lösung skeptisch beurteilten, gehörte der britische Marineminister Duff Cooper, der später aus Protest gegen das Münchner Abkommen über den „Anschluss“ des Sudetenlandes an das Großdeutsche Reich sein Amt zur Verfügung stellte. Er sagte, solange der Nazismus in Deutschland herrsche, werde es niemals Frieden geben. Hitler reagierte auf  tschechische Gesprächsangebote geradezu hysterisch. Er bezeichnete den tschechischen Staatspräsidenten als „Wahnsinnigen“, der den Deutschen endlich die Freiheit geben müsse. Während einer Rede im Berliner Sportpalast fügte er am 26. September 1938 hinzu: „Oder wir werden uns diese Freiheit jetzt holen“. Am Tag darauf äußerte er gegenüber dem britischen Abgesandten Horace Wilson, falls die Tschechen nicht bis zum 28. September um 14 Uhr einlenkten, werde er am 1. Oktober „an der Spitze der Deutschen Wehrmacht ins Sudetenland einrücken“.

 

Angesichts der unverhüllten Kriegsdrohungen aus Berlin kam es zu dem berüchtigten Münchner Abkommen vom 29. September 1938, das der Tschechoslowakei die Abtretung des Sudetenlandes an Nazideutschland auferlegte. Die tschechische Regierung wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Resigniert sagte Außenminister Kamil Krofta, als ihm das Abkommen in Prag überreicht wurde: „Das ist für uns eine Katastrophe. Wir unterwerfen uns. Wir sind bestimmt nicht die Letzten. Nach uns werden andere an die Reihe kommen.“ Am 1. Oktober 1938 überschritten deutsche Truppen die Grenze zur Tschechoslowakei. Als Soldaten mit einer „Gulaschkanone“ auch in meinem Heimatort auftauchten, drängten sich die Kinder um den dampfenden Kessel. Auch ich hätte gern einen Teller Erbsensuppe mit Speck gegessen, aber meine Mutter verbot es mir. In den ersten drei Monaten nach der Annexion des Sudetenlandes wurden allein in das KZ Dachau bei München zweieinhalbtausend sudetendeutsche Gegner Hitlers eingeliefert, und auch unser Dorfschulmeister rückte jetzt mit seiner wahren Gesinnung heraus. Er riet meiner Mutter, statt des roten Kleides jetzt ein blaues anzuziehen.

 

Zur selben Zeit, da Hitler sich im Licht seines Münchner Erfolges sonnen konnte, musste der britische Premier Neville Chamberlain wegen des Münchner Abkommens scharfe Kritik über sich ergehen lassen. Sein konservativer Parteifreund Winston Churchill hielt ihm im Unterhaus vor: „Ich möchte etwas höchst Unpopuläres und Unwillkommenes sagen, nämlich, dass wir eine völlige, durch nichts gemilderte Niederlage erlitten haben. Das Äußerste, was der Premierminister in den zur Diskussion stehenden Angelegenheiten der Tschechoslowakei herausschlagen konnte, ist, dass der deutsche Diktator, anstatt die Speisen vom Tisch zu rauben, sich damit zufrieden gibt, sich nun Gang für Gang servieren zu lassen. Alle Länder Mitteleuropas werden, eines nach dem anderen, in den Bannkreis dieses ungeheuren politischen Gewaltsystems geraten.“ Für Hitler war die Annexion des Sudetenlandes nur das Vorspiel zu einer viel größeren Unternehmung: Der Neuordnung Europas und der Errichtung eines germanischen Riesenreiches unter deutsche Führung. Die  Sudetendeutschen folgten ihm dabei willig.

 

Im Herbst 1942 bekam meine Mutter Post vom „K-Führer des Bannes Trautenau“, Hötzel. „Wie mir der Einheitsführer Ihres Sohnes Kurt mitteilte,  besucht dieser den Hitler-Jugend-Dienst sehr unregelmäßig“,  schrieb er ihr am 12. Oktober 1942 auf einem Briefbogen der NSDAP. „Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie auf Grund des vom Führer und Reichskanzler erlassenen Jugend-Dienstgesetzes verpflichtet sind, Ihren Sohn zum regelmäßigen HJ-Dienst anzuhalten. Sollten Sie dies nicht machen, so machen Sie sich auf Grund obigen Gesetzes strafbar. Sollte Ihr Sohn noch weiterhin den Dienst schwänzen, so sehe ich mich gezwungen, den Fall der gegebenen Stelle weiter zu leiten.“ Am 3. November 1942 erhielt auch mein Vater einen Brief. Er war doppelt so lang und endete mit der Drohung:  „Ich mache Sie nun letztmalig darauf aufmerksam, dass ich bei nochmaligem Fernbleiben Ihres Sohnes vom Hitler-Jugend-Dienst den Antrag auf strengste Bestrafung stellen werde.“  Während der Sommerferien des folgenden Jahres wurde ich in ein „Wehrertüchtigungs-Lager“ nahe der westböhmischen Stadt Mies befohlen. Dort lernte ich das Morse-Alphabet und das Verlegen von Telefonleitungen im Gelände. Im Dezember 1944 wurde ich zur Wehrmacht einberufen und erlebte in Berlin das Inferno des Krieges – sechs Jahre nachdem ich als Elfjähriger erstmals Hitlers Stimme aus dem Radio gehört hatte.

 

(Gekürzt entnommen dem Buch „Gegen den Wind“, PapyRossa Verlag, Köln 2017).

 

 

 

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